Aktuelle Informationen des Bayernbundes e.V..
Nachrichten aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft für Altbayern, Franken und Schwaben.

Dr. Olaf Heinrich ist seit 2013 Bezirkstagspräsident von Niederbayern und seit Juli 2020 Vorstandsvorsitzender des Landesvereins für Heimatpflege e.V.

 

Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V. widerspricht dem Bund der Steuerzahler 

 

In seinem neuen Schwarzbuch kritisiert der Bund der Steuerzahler die geplante Verlagerung von rund 3.000 staatlichen Stellen von der Landeshauptstadt München in die ländlichen Räume Bayerns, wie sie die „Landesstrategie Bayern 2030“ vorsieht, um das seit Jahren bestehende Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land auszugleichen. Die Behördenverlagerungen aus München tragen damit auch zur dringend notwendigen Entschleunigung des überhitzten Ballungsraums bei.

 

Der höchst einseitigen Argumentation des Bundes der Steuerzahler widerspricht der Bayerische Landesverein für Heimatpflege e.V. vehement:

 

„Leider sind die positiven Folgen der Behördenverlagerung im Schwarzbuch völlig ausgeblendet. Der Zuzug junger, hochqualifizierter Menschen mit ihren Familien wird den ländlichen Raum nachhaltig stärken. Manche warten darauf, endlich in die ländliche Heimat zurückkehren zu können und erhalten durch die Verlagerung nun die Möglichkeit dazu. Darüber hinaus werden die örtliche Wirtschaft und Infrastruktur gestärkt, dadurch wiederum die Eigenwahrnehmung und das Image einer Region positiv beeinflusst“, so der Vorstandsvorsitzende des Landesvereins Dr. Olaf Heinrich.

 

Dem stimmt auch Univ. Prof. Dr. Holger Magel, Ehrenpräsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und Mitglied der Enquetekommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Bayern“ zu, der dem Bund der Steuerzahler ebenfalls eine allzu einseitige Beurteilung vorhält:

 

„Es ist sehr schade, dass der Bund die raumordnungspolitisch so wichtigen Behördenverlagerungen in den ländlichen Raum recht oberflächlich und billig kritisiert und gar mit dem hier völlig untauglichen Kosten-Nutzen-Verhältnis argumentiert. Behördenverlagerung ist nicht allein ein ökonomisches Rechenexempel! Es geht um Gleichwertigkeit und räumliche Gerechtigkeit und außerdem um die zukunftssichernde Stärkung unserer ländlichen Heimat!“ 

Der ländliche Raum in Bayern ist lebens- und liebenswerte Heimat, die besondere Für- und Vorsorge durch staatliche Stellen, aber auch zivilgesellschaftliche Institutionen, verdient.   Bildautor: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V. 

Der ländliche Raum in Bayern ist lebens- und liebenswerte Heimat, die besondere Für- und Vorsorge durch staatliche Stellen, aber auch zivilgesellschaftliche Institutionen, verdient.  Bildautor: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V. 

 

Auch das umfangreiche Forschungsprojekt „Stadt. Land. Wo? Was die Jugend treibt“ der Katholischen Landjugendbewegung Bayern, das sich damit befasste, was junge Menschen in ländlichen Räumen dazu bewegt, wegzuziehen, zu bleiben oder wiederzukommen, resümiert: Junge Menschen möchten oft gerne in der Heimat bleiben oder in diese zurückkehren – können es aber häufig nicht, weil vor Ort aussichtsreiche Strukturen, insbesondere qualifizierte Arbeitsplätze, fehlen.

 

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege e.V. befürwortet daher die Behördenverlagerung ebenso wie die Hochschulfilialisierungen nachdrücklich und als zukunftsweisende Schritte zur Stärkung und Aufwertung des ländlichen Raums. Die ganzheitliche Strategie Bayerns ruft, insbesondere bei Nachbarländern, Bewunderung hervor.
Auch gelungene Dorf- und Stadterneuerungen gehen am Ziel vorbei, wenn vor Ort keine Menschen sind, die sich an ihnen erfreuen können, da keine attraktiven Arbeitsplätze mehr vorhanden sind.

 

Der Vorsitzende des Landesvereins fordert deshalb den Bund der Steuerzahler zu einer umfassenderen Sicht des Sachverhalts auf. „Denn die Verlagerungen mögen sich auf den ersten Blick rein monetär nicht rechnen – auszahlen im Hinblick auf die Zukunft des ländlichen Raumes und die soziale Gerechtigkeit in Bayern werden sie sich allemal,“ argumentiert Heinrich, der seit 2013 Bezirkstagspräsident von Niederbayern ist.

 

 

Hintergrund 

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege e.V. kümmert sich seit seiner Gründung im Jahr 1902 um Heimat-, Denkmal- und Baupflege, Volksmusik, Bräuche, Trachten und Mundart in Bayern. Der Entwicklung des ländlichen Raumes als lebenswerte Heimat kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Dabei arbeitet der Verein als Dachverband der Heimatpflege in Bayern mit zahlreichen Institutionen und Einzelpersonen zusammen.

Denn das Leitbild des Landesvereins, die Heimat zu schützen, bedeutet nicht nur, sie zu bewahren und zu pflegen, sondern sie auch verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.

 

Der Landesverein hat seinen Sitz in München und unterhält Außenstellen in Mitterfels (Niederbayern), Eibelstadt (Unterfranken), Bad Berneck (Oberfranken) und Krumbach (Schwaben).

 

 

Bildmaterial 

Bild1: Ländlicher Raum zwischen Dinkelsbühl und Nördlingen BLfH.jpg

Bildunterschrift: Der ländliche Raum in Bayern ist lebens- und liebenswerte Heimat, die besondere Für- und Vorsorge durch staatliche Stellen, aber auch zivilgesellschaftliche Institutionen, verdient.

Bildautor: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V.

 

Bild2: BTP_Olaf_Heinrich_Finsterau_pr.jpg

Bildunterschrift: Dr. Olaf Heinrich ist seit 2013 Bezirkstagspräsident von Niederbayern und seit Juli 2020 Vorstandsvorsitzender des Landesvereins für Heimatpflege e.V.

Bildautorin: Daniela Blöchinger.

 

Für Allerheiligen und Allerseelen – Gedanken von Prälat Josef Obermaier

 

 

Wer kann sich heute noch vorstellen, daß der große Max-Josephs-Platz in München vor der Residenz lange Zeit ein Friedhof war und dergleichen auf dem Platz der Oper ein berühmtes Franziskanerkloster stand, das unter den vielen Aufgaben eines Klosters den davorliegenden Stadtfriedhof betreute wie eine Bestattungsfirma: die Patres lebten davon – neben vielen anderen Verpflichtungen – diesen noblen Friedhof zu verwalten und das Gedenken an die Verstorbenen dieses Stadtfriedhofes geistlich zu pflegen: dies vor allem im regelmäßigen Gedächtnis für die Verstorbenen dieses noblen Stadtfriedhofes.

Im Zuge der Säkularisation – auch aus hygienischen Gründen – mußte der Friedhof wie viele andere kleinere Friedhöfe beim Dom und bei St. Peter vor die Stadt verlegt werden.

Zudem gab es viele Ordensgemeinschaften in der Stadt München, die ihre unterirdischen kellerartigen Grüfte aufgeben mussten; diese wurden vor die Stadtmauer gebracht in neue Grabanlagen, die man schaffen mußte.

Und wiederum wuchs die Stadt München über diese neuen Friedhöfe hinaus, ergänzt durch den „neuen“ Südfriedhof, den Ostfriedhof, den Nordfriedhof und den Waldfriedhof. Später noch zu München kommende politische Gemeinden konnten ihre Friedhöfe und deren Tote mitbringen und erhalten, wie z.B. der wunderschöne Friedhof in Bogenhausen samt alter Pfarrkirche.

Ähnlich wuchsen die Kreisstädte unseres Landes über die alten Pfarreien mit ihren Friedhöfen hinaus. Übriggeblieben sind oft im Zentrum dieser Städte die Pfarrkirchen mit ihren Gedenktafeln an den Außenwänden und die vielen Heldendenkmäler der letzten Kriege.

Leider ging dabei die Einheit von Leben und Tod verloren: der Sonntagsgottesdienst ist meist nicht mehr verbunden mit dem Grabbesuch nach dem Gottesdienst, wie dies heute noch auf dem Land praktiziert werden kann. Immer mehr Gräber sind heute unbesucht; auch an Allerheiligen und Allerseelen, weil die Familien oft nicht mehr am Ort wohnen.

Doch der Sonntagsgottesdienst, die Feier von Tod und Auferstehung Jesu, ist auch heute noch die Brücke zwischen uns und unserer Vorfahren, wo immer wir auch Gottesdienst feiern.

Und: Friedhöfe sind auch „geistliche Lungen“ in einer nervösen Stadt – sofern sie nicht zu Freizeitparks verkommen.

 

Text: Prälat Josef Obermaier

Fotos: Hötzelsperger – Prälat Josef Obermaier (beim Keferloher Montag)  sowie aktuell vom Friedhof der Pfarrei „Christkönig“ von Wildenwart

 

Der Bayernbund gratuliert seinem Ehrenvorsitzenden Adolf Dinglreiter zu seinem heutigen 85. Geburtstag.

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Der Malteserorden wurde vor über 900 Jahren im Heiligen Land gegründet und ist heute eine große internationale Organisation, die weltweit karitativ tätig ist. Bayernbund-Landesvorsitzender Sebastian Friesinger und Redakteur Fritz Lutzenberger sprachen mit Dr. Erich Prinz von Lobkowicz, dem Präsidenten der Deutschen Assoziation des Souveränen Malteser Ritterordens.

 

Frage:

Durchlaucht, die meisten Menschen in Deutschland kennen den Namen des Malteserordens, wissen aber kaum etwas über den Orden selbst. Wie lässt sich diese völkerrechtlich selbständige Organisation am besten beschreiben?

Bewahrung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen ist das Motto des Malteserordens, der vor 900 Jahren sein erstes Hospital in Jerusalem gründete. Sein weiterer Weg führte über Rhodos und Malta jeweils als Landesherr. Diese Rolle als Souverän wurde schon auf dem Wiener Kongress bestätigt und hat bis heute Bestand.

Die Malteser hießen ursprünglich Johanniter. Erst 1530 bestätigte Kaiser Karl V., der ihnen Malta als Lehen überließ (daher der Name), ihre Souveränität. Diplomatische Beziehungen bestehen zu über 100 Ländern, darunter auch Deutschland.

 

Frage:

Bekannt ist der Orden auch durch die Begleitung der Pilgerfahrten nach Lourdes. Was hat es damit auf sich?

Lourdes ist der Kristallisationspunkt des Ordens. 1945 durften Deutsche nicht ins Ausland reisen. Pilgerfahrten waren eine Ausnahme. Philipp von Boeselager brachte Sterbenskranke zur Mutter Gottes nach Lourdes. Beim dritten Mal gab es ein unerklärliches Wunder: ein sterbenskrankes Mädchen kam geheilt aus den Bädern. Seitdem und bis heute pilgert der ganze Orden über die erste Maiwoche nach Lourdes. Heute kommen 4.000 Kranke mit 4.000 Malteserhelfern aus der ganzen Welt. Aus Deutschland kommen 14 weitere Krankenpilgerzüge aus allen Diözesen.

 

Frage:

Wie viele Mitglieder hat der Malteserorden heute und wie steht es um die Entwicklung in der Zukunft?

Der Orden hat heute 13.800 Mitglieder, von denen nur 50 voll in den evangelischen Räten leben und das Gelübde zu Keuschheit, Armut und Gehorsam abgelegt haben. 600 weitere haben ein Gehorsamsversprechen abgelegt.

Der Orden wächst und gedeiht auf der ganzen Welt. Die neuesten Assoziationen sind in Südkorea und Hongkong gegründet worden.

 

Der Malteser Rettungsdienst ist mit über 200 Rettungswachen und mehr als 550 Spezialfahrzeugen eine der festen Säulen der präklinischen Notfallversorgung in Deutschland. In mehr als 826.000 Einsätzen (2014) leisten die Malteser einen wichtigen Beitrag für eine optimale Versorgung von Notfallpatienten und Erkrankten.

Frage:

Der Malteserorden ist auf der ganzen Welt vertreten. In Deutschland arbeiten 30.000 hauptamtliche und 50.000 ehrenamtliche Mitarbeiter in Einrichtungen des Rettungsdienstes, der Katastrophenhilfe, in Krankenhäusern, in der Altenhilfe, der ambulanten Pflege, des Hospizdienstes der Flüchtlingsbetreuung sowie der Jugend- und Suchthilfe. Geben Sie doch bitte unseren Leserinnen und Lesern eine kurze Zusammenfassung des Wirkens der Malteser.

Alle Werke des Malteserordens schauen nach den Nöten ihrer Zeit und wie sie den Menschen nahe sein können. Heute zum Beispiel sind gute katholische Schulen ein echtes Notstandsgebiet. Nach langem Zögern haben die Malteser diese Not aufgegriffen und betreiben heute vier große Gymnasien. Immer neue Dienste entstehen, dafür verabschieden wir uns aus Diensten, die gut und christlich auch ohne den Malteserorden geleistet werden.

Die Malteser im Sanitätseinsatz rund um das Olympiastadion in Berlin

Frage:

Auf den Tätigkeitsfeldern des Malteserordens waren in den letzten Jahren zwei Krisen von herausragender Bedeutung auch in politischer Hinsicht. 2015 waren die Malteser stark gefordert in der Flüchtlingskrise und jetzt natürlich in der Coronakrise.

Wie stellt sich aktuell das staatliche Corona-Krisenmanagement aus Sicht Ihrer Hilfsorganisation dar? Hat sich die restriktive Haltung der Bayerischen Staatsregierung bewährt? Hat es Fehler gegeben?

Traditionell haben die Malteser immer schon in der Flüchtlingsbetreuung mitgewirkt. Zwischen den 1990er Jahren und 2015 waren zu machen Zeiten nur die stationären Einrichtungen der Malteser in Betrieb. Beginnend ab dem Jahr 2000 wurden jährlich 30.000 bis 40.000 Flüchtlinge und auch Übersiedler integriert. 2013/2014 haben die Malteser mehr als die Hälfte der Migranten integriert.

Jetzt in der Coronakrise ist der Malteser Hilfsdienst beim Testing auch an den Grenzen eingesetzt.

Deutschland ist das einzige Land in der Europäischen Union, das in allen Branchen über abgestimmte Pandemiepläne verfügt. Nicht zuletzt deshalb ist auch der wirtschaftliche Einbruch im Vergleich zu den Nachbarländern relativ gering.

Insgesamt hat die bayerische Staatsregierung das gut gemacht.

Durch den Ausfall von Diensten sind uns 20 Millionen Euro Einnahmeverluste entstanden. Die Malteser erhalten als bundesweite Organisation vom Bund keine Zuschüsse.

Außerdem sitzen wir auf einem hohen Bestand an Masken. In unseren Einrichtungen haben wir 850 Betten für Coronapatienten bereitgestellt, von denen aber nur 60 in Anspruch genommen wurden.

 

Frage:

Welche Erfahrungen haben die Malteser in der Coronakrise gesammelt?

Krisen wie Pandemien sind für Hilfsorganisationen der Prüfstein, ob sie genug geübt haben. Die Bundesrepublik Deutschland hält alle zwei Jahre eine große Pandemieübung ab.

 

Frage:

Welche Lehren ziehen Sie daraus für die Zukunft?

Man kann nie genug üben. Die Gemeinschaft in der Hilfsorganisation muss vor der Krise eingeübt sein.

 

Frage:

Nicht zuletzt mit den verheerenden Bränden des Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos rückt die Frage, wie sich Deutschland, wie sich Europa gegenüber den geflüchteten Menschen aus Krisengebieten verhält, wieder in den Blickwinkel.

Die Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise 2015 wurden bei der Auswahl von 1.500 wehrlosen Frauen und Kindern optimal umgesetzt.

Durchlaucht, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.

 

Interessierte Leser finden vertiefende Informationen auch im Internet unter https://www.malteser.de oder https://www.malteser-international.org/de.html

 

„Die beste Verteidigung des Glaubens besteht in der Liebe“ (Benedikt XVI.)

 

 

 

54, Andechser Europatag

Eröffnung der von der EU geplanten „Konferenz zur Zukunft Europas“ angemahnt / Zusammenhalt, Effizienz, Demokratie und Sichtbarkeit der EU stärken

  1. 10. 2020

Ideen für die „Konferenz zur Zukunft Europas“, die die EU noch diesen Herbst eröffnen will, hat die Paneuropa-Union Deutschland bei ihrem 54. Andechser Europatag entwickelt. Der Präsident dieser überparteilichen Europabewegung, der CSU-Europapolitiker Bernd Posselt, nannte vier Schwerpunkte für die Arbeiten, die bis zur französischen Ratspräsidentschaft in der ersten Jahreshälfte 2022 laufen und die Grundlage für einen neuen EU-Reformvertrag bilden sollen: Europäischer Zusammenhalt, europäische Schlagkraft und Effizienz, Demokratisierung der EU sowie Verbesserung der Sicht- und Spürbarkeit Europas.

Posselt rief dazu auf, eine erneute Spaltung des Kontinents in Ost und West zu vermeiden, keine Grenzschließungen wie zu Beginn der Corona-Krise mehr zuzulassen, bis zur nächsten Europawahl vertraglich zu verankern, daß ausschließlich das Europaparlament über die Zusammensetzung der Kommission entscheidet, sowie eine gemeinschaftliche Außen- und Sicherheitspolitik zu schaffen, die in der Lage sei, wirksam auf Aggressionen wie die türkische gegen die EU-Mitglieder Griechenland und Zypern zu reagieren. Dies bedürfe eines stärkeren europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls, das auf den geistigen Fundamenten der gemeinsamen europäischen Kultur aufbauen müsse: „Der Neustart Europas benötigt eine breite Bürgerbewegung, die in einen Konvent für eine echte europäische Verfassung mündet.“

Die Gäste, die gemäß den während der Corona-Pandemie geltenden Hygienebestimmungen im Andechser Klostergasthof tagten, wurden auf das herzlichste von Pater Valentin Ziegler willkommen geheißen: „Damit, daß Sie sich hier versammeln, setzen Sie ein Zeichen der Treue und Stabilität, ein Zeichen, daß die Menschen gefragt sind in einem Europa, das so schnell wieder in Nationalismen versinkt.“ Unter Berufung auf die in Andechs geborene Heilige Hedwig von Schlesien als „große Brückenbauerin“ und mit einem warnenden Blick auf den amerikanischen Präsidentenwahlkampf mahnte er Europa dazu, „die eigene Stabilität zu pflegen, für die eigenen Werte einzutreten und nicht zuzulassen, daß es zu einem Schlagabtausch kommt, der alles spaltet.“ Der Paneuropa-Gedanke zeichne sich dadurch aus, daß er alles zusammenführe und in die Zukunft blicke: „Wir brauchen die Vergangenheit, um die Zukunft zu gestalten, aber wir müssen auch in der Gegenwart leben und den Gegenwartspunkt, den Kairos nutzen.“

In fünf Foren befaßten sich jeweils zwei bis drei Experten mit verschiedenen Themenbereichen, die unter der Leitung von Vertretern der Paneuropa-Jugend ausdiskutiert wurden.

Das erste davon über die Vereinbarkeit von Klima-, Umwelt- und Agrarpolitik in der Europäischen Union bildeten die Bayerische Landesbäuerin Anneliese Göller und der Landtagsabgeordnete Dr. Martin Huber, Mitglied im Umwelt- und im Europaausschuß, die die stellvertretende PEJ-Bundesvorsitzende Gentiana Krasniqi moderierte.

 

Martin Huber plädierte dafür, Klima- und Umweltschutz bewußt mit der Entwicklung neuer Technologien zu verbinden, „statt jede Woche eine andere Gruppe an den Pranger zu stellen, ob das jetzt die Bauern, die Hauseigentümer oder die Autofahrer sind.“ Nötig seien positive Projekte: „Es gehört zur Wertschöpfungskette für Elektroautos, Methoden zu entwickeln, daß man Batterien wiederverwerten kann. Das schafft Arbeitsplätze bei uns und tut etwas für Umwelt und Klima.“ Zudem müsse man Hebelwirkungen finden, um mit unseren Standards in den Rest der Welt hineinzuwirken. Dem sollten vor allem auch die großen Handelsabkommen der EU mit anderen Weltregionen dienen: „Es darf nicht so sein, daß durch Verträge wie den jetzt verhandelten mit Mercosur unser Schutzniveau gesenkt wird, statt daß wir zu einer Hebung des weltweiten Niveaus beim Umwelt- und Klimaschutz, aber auch bei den Sozialstandards beitragen.“

Anneliese Göller wies darauf hin, daß Klima, Umwelt und Landwirtschaft gesamtgesellschaftliche und weltweite Aufgaben seien. Die europäische Land- und Forstwirtschaft habe dafür eine Schlüsselrolle, sie sei Teil der Lösung und nicht, wie oft behauptet, das Problem. Es gelte eine wachsende Bevölkerung mit gesunden, hochwertigen Lebensmitteln zu versehen. Die Landwirtschaft sei der einzige Bereich, der durch den Aufbau von Humusschichten und die Bewirtschaftung von Wäldern aktiv Sauerstoff produziere und CO2 binde. Zugleich sei er besonders vom Klimawandel betroffen. Wetter und Schädlinge würden Bauernfamilien in der ganzen Welt bedrohen. Die europäischen Landwirte seien intensiv bestrebt, Tierwohl, Biodiversität und Naturschutz zu berücksichtigen. Bäuerliche Kulturlandschaften könnten gleichzeitig die Ernährung sichern und der Gewinnung nachwachsender Rohstoffe für die Energiegewinnung dienen, wobei es notwendig sei, den Flächenfraß zu stoppen.

In der Debatte über die Schaffung einer gemeinsamen Öffentlichkeit zeigte sich Prof. Ursula Münch, die Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, besorgt über die Entwicklung der europäischen Medienstruktur. Der Journalismus stecke in einer Krise, und es bestehe die Gefahr, daß junge Menschen sich hauptsächlich aus Social Media informieren, die keinerlei professionelles Niveau aufwiesen. Darunter leide sowohl die politische Bildung insgesamt als auch die Kenntnis europäischer Zusammenhänge. Auch die großen europäischen Themen hätten eine zu geringe Rückbindung in die Bevölkerung. Die Europäischen Institutionen hätten dies erkannt, was auch ein Antrieb für die Initiative zur Konferenz über die Zukunft Europas sei. Die EU brauche einen grenzüberschreitenden Diskussionsraum, da sie nicht über einen europäischen Demos verfüge. Dieser lasse sich auch nicht durch europäische Medien künstlich schaffen, sondern müsse sich aus fundierten Auseinandersetzungen um Grundfragen, die den ganzen Kontinent beträfen, Schritt für Schritt entwickeln.

Der Vizepräsident der internationalen Paneuropa-Union und Medienanwalt Dirk Voß stufte diese Analyse als zu pessimistisch ein. Er schlug neue Ansätze vor, wie etwa die Gründung europäischer und mehrsprachiger Nachrichtenagenturen, die die nationalen Medien beliefern, privatwirtschaftlich organisiert sein sollten, aber eventuell auch eine öffentlich-rechtliche Förderung erhalten könnten, die ihre Unabhängigkeit nicht beeinträchtige. Die Menschen in der EU hätten in den letzten zwanzig Jahren von Skandinavien bis ans Mittelmeer gleichermaßen über die Banken-, Währungs-, Flüchtlings- und jetzt die Coronakrise diskutiert, ohne daß sich die sprachliche Vielfalt dabei als hinderlich erwiesen habe. Europas Demokratie müsse parlamentarisch durch in den Wahlkreisen verwurzelte Abgeordnete gestärkt werden, woraus ein echtes Gemeinschaftsbewußtsein entwickelt werden könne. Die Idee von der Notwendigkeit eines „Staatsvolkes“ nannte Voß provokativ „eine Hypothese“. Auch auf nationaler Ebene sei die Entstehung einer gemeinsamen Öffentlichkeit erst durch die Schaffung einer gemeinsamen staatlichen Struktur entstanden.

Das Podium wurde ebenso wie das folgende von Christian Hoferer, dem Landesvorsitzenden der Paneuropa-Jugend Bayern, moderiert. Der ehemalige Pressesprecher der EU-Kommission Jochen Kubosch und der Vorsitzende des Bayernbundes, Sebastian Friesinger, Mitglied des Bezirkstages von Oberbayern, untersuchten die Rolle von Demokratie und Föderalismus im Bauplan Europas.

Auf Hoferers Frage, ob Zuständigkeiten bei der EU-Reform eher nach oben oder nach unten zu verlagern seien, antwortete Kubosch mit Verweis auf Artikel 5 des EU-Vertrages. Dieser schreibe das Subsidiaritätsprinzip fest, aufgrund dessen große Aufgaben wie etwa die Außen- und Sicherheitspolitik künftig auf die europäische Ebene übertragen werden sollten, während viele Detailregelungen eher wieder in die Hände der Staaten und Regionen zurückwandern könnten. Kubosch setzte sich sehr kritisch mit der mehrfach geäußerten Ansicht des Bundesverfassungsgerichts auseinander, das Europäische Parlament sei nicht demokratisch, weil es keine völlige Proportionalität wiederspiegle. Einerseits bestehe das Bestreben nach einer möglichst gerechten Sitzverteilung, andererseits müsse aber auch den kleinen Staaten eine ausreichende Zahl an Mandaten zustehen, denn auch sie hätten Souveränität an die europäische Ebene abgegeben. Diese Elemente bringe die EU durch einen vernünftigen politischen Kompromiß, der nicht perfektionistisch, aber zielführend sei, in Einklang. Seine demokratische Kraft habe das Europaparlament unter anderem dadurch gezeigt, daß es schon einmal eine EU-Kommission zum Rücktritt zwang. Es gebe kaum eine wesentliche Entscheidung in der EU, die ohne die Europäische Volksvertretung zustande kommen könne, weshalb klar festzuhalten sei: „Die Europäische Union ist selbstverständlich demokratisch.“

Sebastian Friesinger schilderte in überzeugender Weise die Rolle der kleinen Einheiten wie Gemeinden und Regionen als Bausteine Europas. Vor allem die Euroregionen seinen bestens geeignet, um Europa antizentralistisch zu organisieren, ohne es zu zersplittern. Die Chance zu gemeinsamen Projekten diesseits und jenseits der Binnengrenzen sei auch eine wesentliche Chance Europas. In einem föderativen System spüre man auf der lokalen Ebene ebenso wie auf der europäischen, daß man sich gegenseitig brauche. Scharfe Kritik übte Friesinger an den Grenzabriegelungen im Frühling – am Beispiel von Sachrang, zu dessen Ölbergkapelle seit Jahrhunderten Bayern und Tiroler gemeinsam wallfahrteten und das jetzt von der österreichischen Seite her nur noch über die Absperrung hinweg versorgt werden konnte. Für das Gelingen der europäischen Einigung sei es wichtig, das lähmende Einstimmigkeitsprinzip im Rat weiter zurückzudrängen. Friesinger sprach sich für mehr Eigenverantwortung, Bürokratieabbau und Kompromißbereitschaft aus – „das gilt aber nicht nur für die EU, sondern genauso für Gemeinden und Regionen.“

Den Versuch einer „Annäherung an die Seele Europas“ unternahmen im Dialog Bernd Posselt und der ehemalige bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle, jetzt Regierungsbeauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. Spaenle definierte die auf der Gottesebenbildlichkeit des Menschen basierende Personalität als Kern des europäischen Wertesystems. Aus dieser Wurzel heraus sei die europäische Kultur „schon vor Jahrhunderten die mit der größten Reichweite geworden.“ Andererseits seien es auch terroristische Regime in Europa wie die von Hitler oder Stalin gewesen, „die die Würde des Menschen mit Füßen getreten haben wie selten vorher oder nachher.“ Geschichtspolitisch prägend für den neuen Weg Europas sei dann die Fähigkeit seiner Völker geworden, einander die Hand zu reichen. Er würdigte in diesem Zusammenhang die Bemühungen der Paneuropa-Union und von Bernd Posselt um die Völkerverständigung, aber auch „die historische Leistung der Vertriebenenverbände mit ihrem Gewaltverzicht und ihrem Bekenntnis zur europäischen Einigung zu einer Zeit, als die Wunden noch offen waren.“ Der Multilateralismus der heutigen Welt erfordere dringend das Bemühen, „sich zusammenzusetzen und miteinander zu reden.“ Spaenle beschrieb die Umsetzung dieser Haltung durch konkrete Arbeit am Zusammenwirken zwischen dem Freistaat Bayern, dem Europäischen Parlament in Straßburg, dem Elsaß-Memorial in Schirmeck sowie der KZ-Gedenkstätte Struthof-Natzweiler in den Vogesen. Dort könnten bayerische Lehrer und Schüler spüren und erfahren, was Europa für Frieden und Menschenwürde bedeute.

Bernd Posselt zitierte den französischen Dichterfürsten Paul Valéry, der schon im Ersten Weltkrieg in einem Essay über das Wesen Europas festgestellt habe, daß dieses geographisch nur ein kleiner Wurmfortsatz Asiens sei, aber durch seine einzigartige Kultur das Gesicht der Welt geprägt habe. Europa sei, so Posselt, eine uralte kulturelle Realität, die schon mehr als tausend Jahre bestanden habe, bevor der erste Nationalstaat gegründet wurde. Die Kulturen der Welt entwickelten sich auseinander und seien allesamt von einem Enteuropäisierungsprozeß bestimmt. Wenn Europa einfach nur als Rest einer von ihm lange Zeit stark geprägten globalen Zivilisation übrig bleibe, sich noch dazu nationalstaatlich zersplittere und seine Identität vergesse, werde es verschwinden. Posselt sprach sich gegen einen Weltstaat aus, weil es für diesen keine kulturelle Basis gebe, aber für eine Zusammenarbeit mit den anderen Erdteilen und Zivilisationen sowie für ein geistig und politisch starkes Europa, das anderen ein guter und stabiler Partner sein könne.

Den Festgottesdienst zu Ehren der Heiligen Hedwig in der Andechser Wallfahrtskirche hielt der langjährige Abtprimas aller Benediktinerklöster weltweit, Notker Wolf aus St. Ottilien, der um Frieden für Europa und seine Menschen und Völker betete und um die Bereitschaft, „trotz vieler Risse und Wunden zwischen den Nationen und Religionen“ friedfertig aufeinander zuzugehen, „weil es ohne Vergebung und Versöhnung nicht weitergeht“.  In seiner Predigt sprach er über das Jesus-Wort „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist“ und über die Spannung zwischen geistlicher und weltlicher Macht durch die Jahrhunderte. Ab der Französischen Revolution sei Gott immer mehr verdrängt worden und der Mensch an seine Stelle getreten, was zu den totalitären Reichen des 20. Jahrhunderts und Millionen Toten geführt habe. Auch was die Technik betreffe, meine der Mensch alles bestimmen zu können und vernichte damit die Natur. Dieser Einstellung setzte Notker Wolf die Ordensregel des Heiligen Benedikt entgegen, in der der Abt nicht absolut hersche, sondern in der Verantwortung vor Gott gemeinsam mit den Mönchen den Willen Gottes zum Wohl des Menschen suche. Durch die Benediktiner habe sich dieses Konzept der Machtausübung in ganz Europa verbreitet. „Gott muß wieder der Maßstab in unerem Abendland sein, in der Gesellschaft und auch im Politischen. Er unterdrückt nicht, er dient: Das ist der große Unterschied. Er schenkt uns die Hoffnung auf die Zukunft, nicht unser menschliches Können.“

Zum Abschluß der Andechser Europatage diskutierte der Missionsbenediktiner mit Margret Kopp, der Vorsitzenden der „Aktion PiT-Togohilfe e.V.“, und dem Bundestagsabgeordneten Thomas Erndl, Vorsitzender des Fachausschusses Außenpolitik im ASP, unter dem Titel „Keine Zukunft ohne die anderen“ über die Verantwortung Europas in der Welt, moderiert von Landrat a.D. Matthias Wilkes, Präsidiumsmitglied der Paneuropa-Union Deutschland aus Hessen. Der SPD-Vizepräsident des Bayerischen Landtages, Markus Rinderspacher, der pandemiebedingt kurzfristig absagen mußte, schickte den Paneuropäern seine herzlichsten Grüße.

Thomas Erndl betonte, die kulturelle Vielfalt in Europa zu bewahren sei wichtig, „aber wir müssen trotzdem politische Handlungsfähigkeit sichern und mit unserer Außenpolitik aktiver werden.“ Dafür fehle noch das Bewußtsein, viele wollten neutral sein „wie eine große Schweiz: Was um uns herum passiert, soll uns nicht angehen“. Von der „Konferenz zur Zukunft Europas“ erhoffe er sich eine kleinteilige Diskussion nicht nur im Innenverhältnis, sondern auch über die Verantwortung, die wir in der Welt haben. Die deutsche Außenpolitik müsse „eine europäische Außenpolitik sein“: Sie dürfe keine Führungsrolle übernehmen, aber manchmal werde erwartet, daß sie partnerschafltich vorangehe. Eine Frage sei: „Wie können wir die Räume, aus denen sich die USA zurückziehen, gestalten?“ Was Afrika betreffe, so habe Entwicklungsminister Gerd Müller einen Kommissar für dieses Thema gefordert und erreicht, daß der Haushalt seines Ministeriums mit 10,8 Milliarden weit über dem des Außenministerims mit 5,5 Milliarden liege. Gegenüber der aggressiven Politik Chinas und Rußlands sei eine klare Strategie nötig. Bei China habe das Prinzip „Wandel durch Handel“ nicht funktioniert. Es sei aber durchaus möglich, gleichzeitig Handel zu betreiben und trotzdem bei manchen Themen eine deutliche Sprache zu sprechen, denn auch China brauche gewisse europäische Produkte sowie vor allem die europäischen Absatzmärkte. Sowohl bei der chinesischen Initiative der „neuen Seidenstraße“ als auch angesichts der systematischen Versuche Rußlands, die Europäische Union zu spalten, müsse man einen klaren Blick bewahren und umso mehr daran arbeiten, Einigkeit zu erzielen. Das sei zwar eine „Mammutaufgabe“, müsse aber dringend angegangen werden.

Erzabt Notker bestätigte, „Wandel durch Handel“ sei immer eine Illusion Europas gewesen. Die chinesische Führung habe das Ziel, ihr Land „zum Reich der Mitte der ganzen Welt“ zu machen, und gehe dabei vor wie eine Dampfwalze. „Sie wollen die ganze Welt überwachen, um so alles in Gewalt zu haben.“ Das sei Realpolitik, und daher warne er vor Blauäugigkeit auf europäischer Seite. Andererseits stellte er sich aber hinter die Versuche des Vatikan, einen Kompromiß mit der chinesischen Regierung in Sachen Bischofsernennungen zu finden. Seit Kaiser Konstantin hätten sich Herrscher immer wieder als äußere Herren auch über die Religion gesehen. Die chinesischen Christen, auch die der offiziellen, staatlich anerkannten Struktur, bräuchten zum Überleben Einheit und unsere Solidarität, nicht politische Eingriffsversuche wie die jüngsten der US-Außenpolitik.

Margret Kopp lenkte den Blick auf Afrika: „Es ist von Europa – an der Straße von Gibraltar – nur 14 Kilometer entfernt – ein Nachbar, den wir aber überhaupt nicht kennen, außer über Medienmeldungen von Hunger, Not, Korruption und Völkermord und Bilder schöner Landschaften.“ Der kulturelle Reichtum – von Straßentheater-Traditionen bis zu moderner Architektur auf Lehmbasis – sei unbekannt. Deshalb rief sie auf, „Initiativen zu starten – über die Schule, die Medien, Austausch, Tourismus, daß wir unsere direkten Nachbarn einschätzen können und wissen, wie sie ticken.“ Die Bevölkerung sei sehr jung und werde sich bis 250 verdoppeln. Täglich 15 000 Kinder würden an Hunger und fehlenden Behandlungsmöglichkeiten sterben. Sich darum zu kümmern sei „nicht nur Gutmenschentum, sondern eine Zukunftsaufgabe“. Wir müssen zu einem sozialen Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern kommen. Die Starken müssen den Schwachen helfen, es kann nicht umgekehrt sein. Es ist im unseren Interesse, daß es nicht auf unsere Kinder und Enkel zurückfällt.

Auf die Frage aus dem Publikum, wohin denn die Milliarden geraten seien, die man in den letzten Jahren in die Entwicklungshilfe ausgegeben habe, antwortete Margret Kopp wie aus der Pistole geschossen: „Ich möchte mir nicht vorstellen, wie Afrika aussehen würde, wenn die Gelder nicht geflossen wären.“ Sicher sei viel versickert, aber inzwischen habe man dazugelernt: „Die Zusammenarbeit über den Staatsapparat ist schwieriger zu kontrollieren, trotzdem ist sie auch nötig.“ Sie selbst als Leiterin einer Privatorganisation versuche aber die Regierungen möglichst zu umgehen. Zur Zeit wachse in Afrika eine gebildete Schicht heran – etwa Ärzte, die in Europa studiert hätten, weil es in Togo nur die Grundausbildung gebe. Sie müsse man ermutigen, zurückzugehen und das Gelernte für ihre Länder und ihre Mitmenschen anzuwenden: „Leute, es ist euer Land, Afrika gehört euch.“ Die dann entwickelten Konzepte gelte es, wenn sie überzeugend seien, auch zu akzeptieren, weil die Afrikaner selbst am besten wüßten, wie sie „die Moderne an ihren Kulturraum herantragen.“ Internet und Mobiltelefon funktioniere in Togo „wesentlich besser als bei mir in Maisach. Die Studenten laden sich alles aus dem Internet herunter.“ Eine gebildete Jugend in Afrika sei wichtig, damit die europäische Jugend dort auf Partner treffe, mit denen sie kommunizieren könne.

 

 

Die Landesversammlung 2020 des Bayernbundes stand ganz im Zeichen der Neuwahlen zum Landesvorstand. Aufmerksame Leserinnen und Leser der Weiß-Blauen Rundschau haben es natürlich bemerkt, dass der geplante Ort für die Landesversammlung zuletzt kurzfristig geändert werden musste. Corona hat auch hier zugeschlagen. Trotzdem fanden sich erfreulich viele Mitglieder und Ehrengäste im Kursaal in Oberaudorf ein.

Landesvorsitzender Sebastian Friesinger konnte als Ehrengäste aus der Politik den stellvertretenden Bayerischen Ministerpräsidenten und Bayerischen Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie Hubert Aiwanger, den Rosenheimer Landrat Otto Lederer mit seinem Stellvertreter Sepp Hofer und Oberaudorfs 1. Bürgermeister Prof. Dr. Matthias Bernhardt begrüßen sowie von befreundeten Organisationen Florian Besold, Präsident der Bayerischen Einigung/Bayerischen Volksstiftung, Max Bertl, Vorsitzender des Bayerischen Trachtenverbandes, die Ehrenlandesbäuerin Annemarie Biechl MdL a.D. und den Ehrenvorsitzenden des Bayernbundes Adolf Dinglreiter MdL a.D..

 

 

Entschuldigt wegen anderweitiger dringender Verpflichtung war Staatsminister Bernd Sibler.

 

Traditionell steht das Gedenken an die jüngst verstorbenen Mitglieder am Beginn der Landesversammlung. Der Landesvorsitzende verlas dazu die Namen.

 

Der Bericht des Landesvorsitzenden Sebastian Friesinger gab einen umfassenden Überblick über die vielen Aktivitäten des Bayernbundes, die seit der letzten Landesversammlung 2019 in Freising stattgefunden haben. Natürlich hat es dabei coronabedingt in den letzten Monaten Einschränkungen gegeben, trotzdem kann sich die lange Liste von Terminen, Projekten und Veranstaltungen sehen lassen: Arbeitsgruppe Heimatkunde mit dem Kultusministerium, Verfassungstag der Bayerischen Einigung im Landtag, Projekt MundART WERTvoll, kommissarische Leitung der Bürgerallianz Bayern gemeinsam mit Max Bertl vom Bayerischen Trachtenverband und Prof. Dr. Albert Göttle vom Landesfischereiverband, Vorgespräch zur Weiterführung des Projektes Zukunft der Regionen mit dem neuen Arbeitstitel „Zukunft ländlicher Raum“ und vieles andere mehr.

 

Verbandsintern standen mehrere Sitzungen von Landesvorstand und Medienrat mit teils intensiven Diskussionen auf dem Programm. Unter anderem wurde die Mitgliederverwaltung auf neue Beine gestellt und Maßnahmen zur Reduzierung der Kosten auf den Weg gebracht. Für die Weiß-Blaue Rundschau hat der Landesvorsitzende an mehreren Interviewterminen teilgenommen.

 

Höhepunkt des Jahres war ohne Zweifel die gemeinsame Fahrt mit dem Bayerischen Trachtenverband nach Berlin im Januar anlässlich der 30jährigen Jubiläums des Falls der Berliner Mauer und 30 Jahre Wiedervereinigung mit Empfängen durch Horst Seehofer, Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel im Bundeskanzleramt. Sebastian Friesinger dankte ausdrücklich Max Bertl und Toni Hötzelsperger für die perfekte Zusammenarbeit in der Organisation.

Landesschatzmeister Dr. Matthias Dambach gab der Versammlung einen detaillierten Überblick über die Finanzlage des Verbandes. Die größten Posten auf der Einnahmenseite sind die Zuschüsse der Bayerischen Staatsregierung und des Hauses Wittelsbach sowie das Beitragsaufkommen. Auf der Ausgabenseite stellt die Weiß-Blaue Rundschau mit Druck und Versand den größten Posten dar. Unter dem Strich ergibt sich aus dem ideellen und wirtschaftlichen Bereich eine Unterdeckung von rund 8.000 Euro, die aus den Rücklagen ausgeglichen wurde. Die Revisoren haben das Wirtschaftsjahr geprüft und die Ordnungsmäßigkeit bestätigt.

 

Landrat Otto Lederer leitete die Aussprache und beantragte die Entlastung der Vorstandschaft, die einstimmig erteilt wurde.

Der stellvertretende Ministerpräsident Hubert Aiwanger, selbst auch Mitglied des Bayernbundes, stellte seine Ausführungen unter die Überschrift „Corona hat uns wachgerüttelt“. Die Krise habe gezeigt, dass Bayern und Deutschland bei vielen Produkten vom Ausland abhängig sind. So kommen viele Antibiotika heute aus Indien und landwirtschaftliche Produkte aus der ganzen Welt.

 

Nach den Erfahrungen der letzten Monate wird jetzt die regionale Landwirtschaft neu geschätzt und die Kernbotschaft müsse sein: „Wir arbeiten weltweit gut zusammen, wir müssen aber das, was für uns wichtig ist, selbst in der Hand haben.“ Wir dürfen uns nicht der trügerischen Sicherheit hingeben, dass alles jederzeit vom Weltmarkt zur Verfügung steht.

 

Man dürfe das Corona-Virus nicht auf die leichte Schulter nehmen, bei den Gegenmaßnahmen aber auch nicht über das Ziel hinausschießen. Nach den großen Krisen der letzten Jahre, Flüchtlinge, Klima und jetzt Corona, dürfen wir es nicht zulassen, dass sich unsere Gesellschaft spaltet.

 

Die wirtschaftlichen Zahlen bessern sich und wir müssen darauf achten, dass das Ehrenamt und die Vereine nicht an Attraktivität verlieren. Dem Bayernbund fällt dabei auch eine besondere Rolle zu: zu Bayern, seiner Wirtschaft und seiner Kultur zu stehen und die christlich-abendländische Gesinnung zu pflegen.

Landrat Otto Lederer begrüßte die Teilnehmer der Landesversammlung im Landkreis Rosenheim. „Du suchst das Paradies? Wir nennen es Heimat.“ Heimat lässt unterschiedliche Interpretationen zu über die Sprache, Kultur oder Brauchtum. Heimat ist aber auch ein Gefühl der Geborgenheit und Orientierung und es ist eine Aufgabe des Bayernbundes, diese Orientierung zu geben und uns mit unseren Wurzeln zu beschäftigen.

Prof. Dr. Matthias Bernhardt, Bürgermeister von Oberaudorf betonte, dass es wichtig ist, dass der Bayernbund unsere Kultur befüllt und unsere Jugend erdet, damit sie sich nicht nur mit den sozialen Medien beschäftigt.

Der Landesvorsitzende des Bayerischen Trachtenverbandes, Max Bertl, sprach ein Grußwort als Vertreter der Bürgerallianz und im Namen der Bayerischen Einigung/Bayerische Volksstiftung.

 

Die Bürgerallianz steht für über 2,2 Millionen Mitglieder in den Traditionsverbänden und ist laufend bemüht, die Politik auf überflüssige Bürokratie hinzuweisen. Dabei hat sie auch schon zählbare Erfolge erzielt. Mit dem Innenminister ist man im Gespräch, Gesetze und Verordnungen vorab auch mit den Betroffenen zu diskutieren.

 

„Wir müssen Heimat leben und erleben, erst dann können wir Heimat geben!“

 

Max Bertl bezeichnete den Bayernbund als „Bayerisches Gewissen“, den Bayerischen Trachtenverband als das „Gesicht Bayerns“, die Bayerische Einigung als den „Hüter der Verfassung“ und die Bürgerallianz als das „Herz der Ehrenamtlichen“.

 

Die folgenden Neuwahlen unter der kompetenten Leitung des scheidenden Landesschatzmeisters Dr. Matthias Dambach brachte für die Kandidaten hervorragende Ergebnisse:

Jeweils einstimmig wurden Sebastian Friesinger zum Landesvorsitzenden und Staatsminister Bernd Sibler, Eggstätts 1. Bürgermeister Christian Glas und Ehren-Landesschützenmeister Wolfgang Kink als seine Stellvertreter wiedergewählt.

 

Ebenfalls einstimmig wurde Landesschriftführer Thomas Sax in seinem Amt bestätigt und Bad Aiblings erster Bürgermeister Stephan Schlier zum Landeschatzmeister gewählt.

 

Ebenfalls einstimmig wurden als Beisitzer Thomas Blösel aus Fürth, Hubert Dorn aus München, Monika Kaltner aus Mainburg und Prof. Dr. Dieter Weiß aus Nürnberg bestätigt.

 

Zu neuen Kassenprüfern wurden Christian Bürger und Florian Preit vom Kreisverband Rosenheim gewählt.

 

Der Landesvorsitzende dankte den Grußwortrednern und dem scheidenden Landesschatzmeister Dr. Matthias Dambach jeweils mit einem kleinen Geschenk, der Leiterin der Geschäftsstelle Gabriele Then für die Vorbereitung der Landesversammlung und der Wirtsfamilie Paul Astl für die vorzügliche Betreuung unter Coronabedingungen im Kursaal. Der stellvertretende Landesvorsitzende Christian Glas dankte dem Landesvorsitzenden für seinen unermüdlichen Einsatz. (Fritz Lutzenberger)

 

 

 

Der neue Landesvorstand und Ehrengäste: 1. Reihe von links: Christian Glas, Adolf Dinglreiter, Staatsminister Hubert Aiwanger, Wolfgang Kink, Monika Kaltner, Sebastian Friesinger, Prof. Dr. Dr. Dieter Weiß, Thomas Blösel und Max Bertl. Hintere Reihe von links: Hubert Dorn, Thomas Sax, Stephan Schlier, Otto Lederer und Dr. Matthias Bernhardt.

 

 

 

 

Wander‘ oder spende für Afrika!

Das ist das Motto des LÖWENMARSCHes, zu dem Prinz Ludwig von Bayern in diesem Jahr zum zweiten Mal aufgerufen hat, um für sein Projekt in den ärmsten Regionen Afrikas zu werben. Sein Ziel ist es, jungen Menschen, die dort ohne Zukunftsperspektive aufwachsen, beim Erlernen und Ausüben eines Berufes zu helfen, um sich und ihre Familien ernähren zu können. Durch die Möglichkeiten der digitalen Welt gelingt es, vor Ort Arbeitsplätze zu schaffen, ohne dass sie ihre Heimat verlassen müssen.

Ludwig Heinrich Prinz von Bayern (* 14. Juni 1982 in Landsberg am Lech), ältester Sohn von Luitpold Prinz von Bayern und Ururenkel von Ludwig III., dem letzten König des Königreichs Bayern. Ludwig Prinz von Bayern wuchs auf Schloss Kaltenberg auf und wurde bereits im Kindesalter in ein Benediktinerkloster nach London geschickt. Den längsten Abschnitt seiner Schulzeit verbrachte er im Rhabanus-Maurus-Gymnasium der Erzabtei Sankt Ottilien. Mit 16 Jahren gründete er eine Software-Firma, er programmierte Internetseiten und war recht erfolgreich damit.

Dafür hat Prinz Ludwig, Ururenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III. mit gleichgesinnten Freunden die IT-Schule LEARNING LIONS gegründet, die er persönlich in Kenia betreut. Seit mehreren Jahren werden hier, in der Halbwüste Turkana im Nordwesten des Landes, kostenlos und mit großem Erfolg junge Frauen und Männer ausgebildet. Mit Hilfe von freiwilligen Volontären aus aller Welt sind sie spätestens nach einem Jahr in der Lage, via Internet und über internationale Plattformen IT-Aufträge zu bearbeiten: Für ihre Arbeiten werden faire Honorare gezahlt. Um diese Chance möglichst vielen jungen Afrikanern zu bieten, wird nun ein größerer Campus in der Turkana errichtet: Für den Abschluss der Bauarbeiten und die Ausstattung des Campus‘ werden die Spenden des Löwenmarsches dringend benötigt.

 

Der LÖWENMARSCH

Als ob eine Wanderung über 100 Kilometer von Schloss Kaltenberg zum Schloss Hohenschwangau innerhalb von 24 Stunden nicht schon Anstrengung genug wäre, sorgte ausgiebiger Regen während der Nacht und gegen Ende des Marsches noch für eine zusätzliche Belastung.

Zum Start in der Arena Kaltenberg war auch Wissenschaftsminister Bernd Sibler (gleichzeitig auch stellvertretender Landesvorsitzender des Bayernbundes) als Vertreter der Bayerischen Staatsregierung und MdB Michael Kießling gekommen. Bei schönem Wetter schickten sie die Teilnehmer auf die Reise.

Entlang des Ammersees ging es zunächst bis nach Dießen, nach Einbruch der Dunkelheit vorbei an der Wessobrunner Tassilolinde bis zur Wieskirche und mit dem Sonnenaufgang dann in Richtung Schloss Hohenschwangau. Passend zum Thema liegt das Ziel im „Löwenhof“ des Schlosses.

 

Wer sich die lange Strecke nicht zutraute, konnte für kürzere Abschnitte – ab 20 Kilometern – bei einer der zahlreichen Stationen des Marsches einsteigen oder alternativ den Löwenmarsch einfach mit einer Spende unterstützen.

Ausgiebige Regenfälle erschwerten den Teilnehmern den nächtlichen Marsch von Wessobrunn über Schongau zur Wieskirche. Dort erwartete ein Team des Bayerischen Rundfunks den Prinzen noch vor dem Frühstück.

Unser Redakteur entschied sich dafür, die landschaftlich besonders reizvolle Strecke von der Wieskirche nach Hohenschwangau mit 26 Kilometern in Angriff zu nehmen. Wer selbst mitwandert, kommt auch mit anderen Teilnehmern schnell ins Gespräch.

 

So berichtete Yvonne aus Bad Grönenbach, dass sie nach der Geburt ihrer Kinder ihre Karriere im Leistungssport beendet hat und jetzt viel auf Benefizmärschen unterwegs ist. Sprach’s und ließ den Redakteur schnell hinter sich.

Kurz nach der Wieskirche schwenkten die Wanderer auf das Königsstraßerl ein. Auf einer Bank am Straßenrand fanden Claudia, Petra und Wolfgang aus Füssen ein wasserdicht verpacktes Kuvert mit einer anonymen „Spende für Afrika“, die sie natürlich an Prinz Ludwig weiterreichten.

 

 

Mit eigener Startnummer war auch der kleine Spaniel Ginger unterwegs, der tapfer mit seinem Herrchen die Schlussetappe von 25 Kilometern durchgestanden hat.

 

Auch am Zielort Schloss Hohenschwangau musste der Prinz gleich wieder vor die Kamera: „Das Wetter hat den heurigen Marsch viel schwieriger gemacht als voriges Jahr. Aber das Ziel ist erreicht:“

Insgesamt konnte er für LEARNING LIONS rund 150.000 Euro Spenden einsammeln.

Spenden sind weiter dringend notwendig

 

Prinz Ludwig von Bayern: „Lasst und ein starkes Zeichen der Solidarität setzen! Bitte marschiert mit oder spendet!“

 

Das Spendenkonto ist auch weiterhin geöffnet:

Löwenmarsch e.V. 
IBAN: DE71 7005 2060 0022 6485 70
Sparkasse Landsberg-Dießen

Für eine Spendenquittung bitte den Namen und die Adresse mitangeben!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prien (hö) – Auf den Tag genau 175 Jahre nach der Geburt von Bayerns berühmtesten Bürger und Monarchen, König Ludwig II. auf Schloss Nymphenburg veranstalteten die Marktgemeinde Prien und die Prien Marketing GmbH eine Gedenkfeier zu Ehren des Jubilars. Die Feier wurde wegen Corona vorab nicht groß öffentlich beworben und wurde mit weniger Teilnehmern durchgeführt als in früheren Jahren. Die Festrede hielt Priens neuer und junger Bürgermeister Andreas Friedrich, die musikalische Gestaltung übernahm die Blaskapelle Prien.

Ort der Feierlichkeiten waren die Schären in Prien-Stock sowie das dortige König-Ludwig-II-Denkmal, von dessen Stelle direkt der Blick auf Schloss Herrenchiemsee möglich ist. Festredner Andreas Friedrich begann mit dem Hinweis, dass er nicht als Historiker oder Sozial-Wissenschaftler sprechen will, sondern dass es ihm ein Anliegen ist, den Menschen und Förderer Ludwig II und seine Bedeutung für Prien und weit darüber hinaus näher vorzustellen und er stellte dazu die hypothetische Frage: „Was wären Prien, der Chiemsee und die Tourismusregion Chiemsee-Alpenland ohne Schloss Herrenchiemsee?“. Hierauf gab er selbst gleich folgende Antwort: „Ich bin überzeugt, dass sich der Tourismus anders entwickelt hätte, dass die Chiemseebahn, wenn sie denn überhaupt gebaut worden wäre, längst eingestellt wäre, dass die Schifffahrt in roten Zahlen wäre und dass tausende von Arbeitsplätzen rund um den See nicht entstanden wären. Unsere Region sähe anders aus und hätte bestimmt eine andere, nicht bessere Entwicklung genommen“.

 

Die Zeit zwischen der Geburt von Prinz Otto Ludwig Friedrich Wilhelm von Bayern (so der volle Name des späteren Königs) im Jahr 1845 und seinem Tod nach nur 40 Jahren, 9 Monaten und 19 Tagen am 13. Juni 1886 in den Fluten des Würmsees, dem heutigen Starnberger See war – so Bürgermeister Friedrich- geprägt von einer sich der Normalität und dem Alltag entziehenden fürstlichen Lebensführung und einem geheimnisvollen Tod. „All das, was zu Lebzeiten des Königs geschah hat dazu geführt, dass der populärste bayerische Monarch bis heute und sicher auch fortan für Stoff gesorgt hat, aus dem Träume, Bücher und Filme sind“. Die Schlösserbauten waren zu jener Zeit ein Konjunktur-Programm sowie eine hohe Förderung der Handwerkskunst in Bayern. „Aber nicht nur das, König Ludwig II. war nicht nur ein Förderer der Kunst und der Bildung, die bis in die heutige Zeit nachklingen, er hatte auch eine besonders starke soziale Ader“. Dies ergänzte Bürgermeister Friedrich mit folgenden Hinweisen: „Als der junge Ludwig im Alter von 18 Jahren 1864 Thronfolger im Königreich Bayern wurde, erhöhte er die Besoldung seiner Hofbediensteten, er ließ aus eigener Tasche den schlecht bezahlten Lehrern ein Weihnachtsgeld auszahlen, er war Schirmherr unter anderem vom Bayerischen Roten Kreuz, von Anstalten für Armenspeisungen, von neugegründeten Krankenunterstützungsvereinen und des Tierschutzvereins München, so dass er schnell als Volkskönig beliebt war“. „Von den vielen technischen Errungenschaften seiner Regierungszeit – der König ließ unter anderem das erste bayerische Elektrizitätswerk bauen – sowie von der Einführung eines hochwertigen Schulsystems profitieren das Land und damit auch der Chiemgau bis heute, aber noch viel mehr spüren wir den Nutzen für den Tourismus“ – so Bürgermeister Andreas Friedrich, der am Rande der Feierlichkeiten auf den Königs-Pavillon am Priener Bahnhof angesprochen dazu sagte: „In diesem Bauwerk aus der Zeit von König Ludwig II. ist heute Technik der Deutschen Bahn untergebracht, aber man könnte es eventuell mal aufhübschen und mit einer Beschriftung für Aufklärung sorgen“.

 

Der Festrede folgte der „König-Ludwig-II-Marsch“ der Priener Blaskapelle im Beisein der Fahnenabordnungen der Priener Traditionsvereine (Königlich-Privilegierte Feuerschützengesellschaft, Gebirgsschützenkompanie sowie Trachtenvereine Atzing und Prien). Hauptmann Rudi Holthausen von den Priener Gebirgsschützen war schon oft in früheren Jahren dabei, sein Resümee war: „Zu Zeiten von Bürgermeister Lorenz Kollmannsberger und Kurdirektor Peter Donauer war alle Jahre eine große König-Ludwig-Feier, mit dabei waren damals auch die Königstreuen und Freunde von Herrenchiemsee mit Dr. Franz Zech sowie der König-Ludwig-Club von München mit dessen Präsidenten Dr. Hannes Heindl, es wäre zu überlegen, ob mit einem regelmäßigen Ryhthmus, zum Beispiel alle fünf Jahre diese ehrwürdige Tradition wieder fest im Priener Gesellschaftsleben verankert werden könnte“. Ehe die Feier mit der Bayernhymne (die 3. Strophe beginnt im übrigen mit: „Gott mit ihm, dem Bayernkönig, Segen über sein Geschlecht. Denn mit seinem Volk in Frieden wahrt er dessen heilig Recht.) erschallten noch Salut- und Kanonenschüsse. „Normal war es zu Königszeiten üblich, dass für den Monarchen 21 mal geschossen wurde“ – so Michael Feßler, der mit seinem Sohn Martin mit einer im Familienbesitz befindlichen und aus einer Rosenheimer Kanonenfabrik stammenden Uralt-Kanone („Sie war schon 1926  dabei, als das Schiff Ludwig Feßler Stapellauf hatte“)  dreimal schoss, für drei weitere Kanonenschüsse sorgte Erwin Nischbach vom gemeindlichen Bauhof mit einer Vorderlader-Kanone. Zudem ließ sich die Königlich Privilegierte Feuerschützengesellschaft von Prien lautstark und dreifach hören. Aufgrund der schönen Witterung und der derzeit guten Belegung der Tourismusorte rund um den Chiemsee fanden sich doch einige Besucher ein, diese waren hoch erfreut über die kleine, aber würdige Feier zum 175. Geburtstag von König Ludwig II.

 

Foto/s: Hötzelsperger – Eindrücke von der König-Ludwig-II-Gedenkfeier in Prien mit Bürgermeister Andreas Friedrich als Festredner.

 

Von Prof. Dr. Dieter J. Weiß

Als Prinz Otto Ludwig Friedrich Wilhelm von Bayern am 25. August 1845 auf Schloß Nymphenburg in München geboren wurde, war Bayern noch ein souveränes Königreich, über das sein Großvater König Ludwig I. regierte. Bayern war seit 1818 ein Verfassungsstaat, der König war auf die Mitarbeit des Landtags aus zwei Kammern angewiesen. Bayern verfügte über die volle Souveränität und Militärhoheit und war lediglich Mitglied des Deutschen Bundes. Der Vater des kleinen Prinzen war Kronprinz Maximilian, die Mutter war die evangelische Prinzessin Marie Friederike von Preußen. Da der künftige Thronfolger wie schon sein Großvater am Tage des Hl. König Ludwigs von Frankreich, dem 25. August, geboren wurde, erhielt er ganz selbstverständlich auch den Namen Ludwig, der auf Drängen des Großvaters zum Rufnamen und damit zu dem Königsnamen der Wittelsbacher werden sollte.

Als König Ludwig II. von Bayern am 13. Juni 1886 in den Fluten des Würmsees zu Tode kam, war Bayern ein Bundesstaat des Deutschen Reiches geworden, hatte auf weite Teile seiner Souveränität verzichten und nur die Militärhoheit in Friedenszeiten, einige Steuerprivilegien und Reservatrechte behaupten können. Zwischen diesen Daten – 1845 und 1886 – erstreckte sich das Leben des wohl populärsten bayerischen Monarchen, der noch heute Emotionen zu wecken vermag. Eine sich der Normalität und dem Alltag entziehende fürstliche Lebensführung und ein geheimnisvoller Tod bieten offenbar den Stoff, aus dem die Träume sind. Auch mehrere Filme haben sich mit der Person des Königs befaßt: 1955 führte Helmut Käutner die Regie für Ludwig II. – Glanz und Ende eines Königs mit O. W. Fischer in der Hauptrolle, 1972 drehte Luchino Visconti Ludwig II. mit Helmut Berger in der Titelrolle, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

Der Kunstmäzen

 

Die Beschneidung seiner Souveränität 1871 führte dazu, daß sich Ludwig II. immer weiter aus der Politik zurückzog und sich in eine von ihm aufgebaute Scheinwelt flüchtete. Je mehr der König von Bayern seine wirklichen Souveränitätsrechte an das Reich abtreten mußte und an realer Macht einbüßte, desto mehr steigerte sich seine Auffassung vom idealen Herrschertum und seiner absoluten Machtfülle, die er in der Realität nicht mehr ausüben konnte.

König Ludwig II. war durchdrungen von der Sendung der Kunst, was sein bedeutendes Mäzenatentum auslöste – am bekanntesten ist seine Unterstützung Richard Wagners. Aber auch seine Schloßbauten förderten Architekten und Kunsthandwerker und bedeuteten gleichzeitig einen Innovationsschub für die betroffenen Regionen. Die Schlösser entstanden weitab der Hauptstadt München in malerischen Landschaften. Der Gedanke an die Repräsentation der Herrschaft wurde hier aufgegeben, sollte die Öffentlichkeit doch gerade ferngehalten werden. Ludwig II. selbst schuf die Pläne für die Erbauung von Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee. Die Vorbilder für seine Schloßbauten hatte er auf Frankreichreisen und durch Abbildungen und Berichte kennengelernt. Von den Arbeiten gingen starke Impulse für das hohe Ansehen des bayerischen Kunstgewerbes noch um die Jahrhundertwende aus, mußten die Kunsthandwerker doch alte Techniken auf höchstem Niveau wieder erlernen. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden diese Schloßbauten als Hauptwerke des europäischen Historismus erkannt, der selbst eine lange Zeit mißachtete Kunstepoche bildete.

Schloss Linderhof gilt als das Lieblingsschloss von König Ludwig II. Für ihn bildete es einen königlichen Themenpark mit vielen weiteren nahen Bauten. Literaturhinweis: Marcus Spangenberg: Linderhof Erbautes und Erträumtes im Gebirge, Verlag Pustet Foto: Fritz Lutzenberger

 

Technische Innovationen

 

Als Kunstmäzen und als Bauherr bedeutendster Schlösser des Historismus, der Arbeitsplätze schuf und verloren gegangen geglaubte Techniken von Kunsthandwerkern sicherte, ist der König noch immer im allgemeinen Bewußtsein. Weniger kennt man ihn als Förderer innovativer Techniken und Entwicklungen bis hin zu Überlegungen für eine Flugmaschine. Zur Verwirklichung seiner Phantasien stützte er sich auf die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaften.

Mit der Unterstützung des Physikprofessors Wilhelm von Beetz ließ er das erste bayerische Elektrizitätskraftwerk von Siemens & Halske einrichten. Mit dessen Hilfe konnte die „Venusgrotte“ bei Schloß Linderhof effizient und stilecht beleuchtet werden. Ludwig II. war auch der Halter des wohl ersten elektrisch beleuchteten Fahrzeugs nicht nur in Bayern. Ein Gemälde von Rudolf Wenig hält die Erinnerung an die Schlittenfahrten des Königs im verschneiten Gebirgswald fest, das Licht strahlt von der von zwei Putten gehaltenen Königskrone an der Spitze des Gefährts aus – im Marstall in Nymphenburg kann der Schlitten im Original besichtigt werden. Das vermeintlich mystische Licht aber stammte von einer elektrischen Glühbirne mit einer Batterie im Schlittenkasten, eine der frühesten Verwendungen von Elektrizität als Energiequelle.

 

Die Gründung der Polytechnische Schule zu München

 

Ludwig II. war auch sonst für technische Innovationen aufgeschlossen und so gar nicht der weltfremde Romantiker und Märchenkönig, als der er so gerne dargestellt wird. Dieser König inaugurierte im Jahr 1868 die „Königlich-Bayerische Polytechnische Schule zu München“ in seiner Residenzstadt als Hochschule, was einen ungeheueren Traditionsbruch darstellte. Akademische Bildung war lange Theologen und Juristen, Medizinern und Philosophen im weitesten Sinne vorbehalten – und erst über die Philosophische Fakultät gelangten Naturwissenschaften, Sprachen, Geschichte und Realwissenschaften zu akademischen Ehren. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die wirtschaftliche Entwicklung und die Industrialisierung weit fortgeschritten, neue Herausforderungen und Aufgaben verlangten eine veränderte Ausbildung. Die praktische naturwissenschaftliche und technische Ausbildung erfolgte aber noch unabhängig von der Gymnasial- und Universitätsbildung.

Im Jahr des Regierungsantritts Ludwigs II. 1864 erfolgten mehrere Neuerungen für die technische Ausbildung. Neben das traditionelle Gymnasium als humanistischer Lehranstalt traten das Realgymnasium und die Oberrealschule zur Vorbereitung für technische Berufe. Allerdings war man damit noch immer von einer universitären Verankerung unmittelbar praktisch nutzbarerer Naturwissenschaften weit entfernt. Planungen für eine Verbesserung der Polytechnischen Schule München wurden aber verfolgt. Als Vorbilder konnten die Anstalten in Paris, Zürich, Karlsruhe und Dresden dienen. Gottfried von Neureuther entwarf den Neubau für die Polytechnische Schule an der Arcisstraße in München, um dessen Gestaltung sich Ludwig II. persönlich gekümmert hatte.

König Ludwig II. ließ die Technische Hochschule im Jahr 1868 zunächst noch unter der alten Bezeichnung Polytechnische Schule eröffnen. Beim Festakt betonte Minister Gustav Ritter von Schlör, die exakten Wissenschaften sollten zum Gemeingut der Schüler werden und diese die Resultate der Wissenschaften für die Praxis vermitteln. Am 6. August 1877 gewährte König Ludwig II. endlich die Bezeichnung „Königlich Bayerische Technische Hochschule zu München“ und verlieh ihr die Gleichstellung mit den übrigen bayerischen Universitäten. Dies bedeutete eine wirkliche Innovation. Die goldene Amtskette des Rektors ziert ein Brustbild Ludwigs II. als des Stifters der Hochschule. Der Monarch nutzte die Expertise der Hochschullehrer auch für seine privaten Interessen.

 

Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen

 

Wenn die Extravaganzen des Königs, seine Bauleidenschaft und seine nächtlichen Ausfahrten bei Fackelschein, auch die Anhänglichkeit der oberländischen Bevölkerung, sofern sie davon erfuhr, noch steigerte und das Ansehen des Königs über seinen Tod hinaus ins Mythische überhöhte, so bedeutete das Fehlen des Königs in den politischen und wirtschaftlichen Zentren des Landes doch eine Belastung für den monarchischen Gedanken. Andrerseits verfolgte der König bei der Errichtung seiner Bauwerke wohl auch den Gedanken, sein Königtum angesichts der seit 1866 gefährdeten und 1871 weitgehend verlorenen Souveränität durch Symbole zum Ausdruck zu bringen – und steht damit bis heute für Bayern. Und dazu stützte er sich auch auf die modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Errungenschaften seiner Zeit. Auch diese Facetten der vielschichtigen Persönlichkeit Ludwigs II. sollten beachtet werden – bis heute eben ein ewig Rätsel.

 

 

 

Literaturhinweis: Jean Louis Schlim, Ludwig II. – Traum und Technik, München 2001.

 

Bild

Foto: Von Joseph Albert – http://www.schloesser.bayern.de, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=836387