Dieses Jahr 2020 steht im Schatten der Pandemie. Die vielen Monate der Coronakrise, von der wir nicht wissen, wie lange sie noch anhält, haben alle Teile des Lebens und der Gesellschaft betroffen: die Arbeitswelt, Familie, Schule, Kultur und auch uns als Kirche. Die Pandemie und die Schritte, die zu ihrer Überwindung notwendig sind, haben uns mit Verlust und Sorgen konfrontiert. Mit dem Verlust geliebter Menschen. Mit Sorge um die eigene Gesundheit und die der Nächsten. Mit der Frage, ob die Einkünfte und Rücklagen ausreichen, während die Wirtschaft heruntergefahren bleibt. Ob die Gesellschaft zusammenhält oder über das kritische Abwägen zwischen Freiheit und Verantwortung auseinanderdriftet.

 

Als Kirche haben wir den Auftrag, gerade auch in Zeiten der Sorge und des Zweifels für die Menschen da zu sein, Trost zu spenden, Unterstützung und Hoffnung zu geben. Vor allem jetzt in der Adventszeit, in der Vorfreude auf Jesu Geburt, wollen wir den Menschen eine frohe Botschaft vermitteln: Das Leben ist von Gott geschenkt. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann ist es gut, ein Mensch zu sein (wie es Papst Benedikt XVI. einmal gesagt hat).

 

Zur Verkündigung dieser Botschaft müssen wir auch neue Wege gehen. Das Wirken von Kirche ist in den vergangenen Monaten oft nicht in gewohnter Form möglich gewesen. Um in der Frühphase der Pandemie, als noch mehr Unsicherheit im Wissen über das Virus bestand als heute, zu verhindern, dass unsere Kirchen zu Hotspots des Infektionsgeschehens werden, haben zwischen März und Mai keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden können. Besonders schmerzlich war, dass die Gemeinden Ostern nicht in Gemeinschaft feiern konnten. Aber wir haben neue Wege der Verkündigung gefunden. Etwa durch Gottesdienstübertragungen aus dem Dom, die seit März eine Reichweite von mehr als zwei Millionen Zugriffen erzielt haben. Aber vor allem auch in einem vielfältigen Wirken der zahlreichen Ehren- und Hauptamtlichen in unseren Pfarreien. Dabei wurde, unter Wahrung der Abstandsregeln, nicht nur pastoraler Beistand zuteil. Es ging auch um Einkaufsdienste oder Behördengänge für ältere und vorerkrankte Mitmenschen, um Telefon- oder Zaungespräche gegen die Einsamkeit und immer wieder darum, ein Gefühl des Miteinanders zu beleben. Ich bin sehr dankbar, wenn ich sehe, dass die Botschaft des Evangeliums in den Gläubigen zur Tat wird.

 

Ich wünsche mir, dass die Coronakrise auch zu mehr Achtsamkeit und Rücksichtnahme im Umgang miteinander führt. Dazu können wir beitragen. In diesem Jahr ist mit Papst Franziskus‘ neuer Enzyklika „Fratelli tutti“ eine Schrift erschienen, die uns dazu eindrücklich aufruft. Der Heilige Vater antwortet angesichts der gegenwärtigen Krisen – die ja weit über das Pandemiegeschehen hinausgehen – mit „einem neuen Traum der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft“ als Leitbild der Weltgemeinschaft. Er weist hin auf die tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Versöhnung und vor allem nach Zusammenhalt, die in der Corona-Pandemie wie unter einem Brennglas deutlich geworden ist, ebenso wie die weltweite gegenseitige Abhängigkeit und der Mangel an wirksamer globaler und multilateraler Kooperation. Papst Franziskus analysiert, dass die Pandemie „unsere falschen Sicherheiten offenlegte“ und es kein „Weiter so, wie vorher“ geben kann, sondern dass ein umfassend neues Denken und daraus folgendes Handeln einer geeinten Menschheitsfamilie dringlich vonnöten sind. Ein egoistisches ‚Rette sich, wer kann‘ werde schnell „zu einem ‚Aller gegen alle‘, und das wird schlimmer als eine Pandemie sein.“ In seinem neuen Buch „Wage zu träumen!“ beschreibt Papst Franziskus auch persönlich, was die Corona-Pandemie alles aufzeigt und eröffnet die Debatte, was das für unsere Zukunft bedeuten mag. Er schreibt: „Aus der Krise können wir besser oder schlechter hervorgehen. Wir können rückwärtsgleiten oder wir können etwas Neues schaffen. Was wir jetzt brauchen, ist die Chance, uns zu verändern, Raum für das zu schaffen, was jetzt nottut.“

 

Ich wünsche mir und uns, dass wir aus der Krise zu einem besseren Miteinander finden, und das nicht zuletzt auch im praktischen Sinn. Ich freue mich, zu sehen, wenn Großmütter und Großväter jetzt skypen und ihre räumlich weit entfernten Enkel so häufiger zu Gesicht bekommen können. Ich freue mich auch, dass die Bildungseinrichtungen, Institutionen und Glaubensgemeinschaften in Bayern und Deutschland den digitalen Raum mehr erschlossen haben. Und ich hoffe, dass sich die Arbeitsbedingungen für all diejenigen verbessern werden, denen in der Krise zwar Applaus zufiel, die aber nach wie vor auf Entlastung und effektive Unterstützung warten.

 

Vielleicht bieten die Advents- und Weihnachtszeit 2020 und der Beginn des neuen Jahres ja eine besondere Möglichkeit zur Besinnung darauf, was unser Leben und unseren Glauben wesentlich macht und wie wir uns vor dem Hintergrund dieses Jahres 2020 eine gelungene Zukunft vorstellen.

 

Ich wünsche Ihnen ein Frohes Weihnachtsfest und ein Gesegnetes Jahr 2021!

 

Bild:

Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising