Von Prof. Dr. Dieter J. Weiß

Als Prinz Otto Ludwig Friedrich Wilhelm von Bayern am 25. August 1845 auf Schloß Nymphenburg in München geboren wurde, war Bayern noch ein souveränes Königreich, über das sein Großvater König Ludwig I. regierte. Bayern war seit 1818 ein Verfassungsstaat, der König war auf die Mitarbeit des Landtags aus zwei Kammern angewiesen. Bayern verfügte über die volle Souveränität und Militärhoheit und war lediglich Mitglied des Deutschen Bundes. Der Vater des kleinen Prinzen war Kronprinz Maximilian, die Mutter war die evangelische Prinzessin Marie Friederike von Preußen. Da der künftige Thronfolger wie schon sein Großvater am Tage des Hl. König Ludwigs von Frankreich, dem 25. August, geboren wurde, erhielt er ganz selbstverständlich auch den Namen Ludwig, der auf Drängen des Großvaters zum Rufnamen und damit zu dem Königsnamen der Wittelsbacher werden sollte.

Als König Ludwig II. von Bayern am 13. Juni 1886 in den Fluten des Würmsees zu Tode kam, war Bayern ein Bundesstaat des Deutschen Reiches geworden, hatte auf weite Teile seiner Souveränität verzichten und nur die Militärhoheit in Friedenszeiten, einige Steuerprivilegien und Reservatrechte behaupten können. Zwischen diesen Daten – 1845 und 1886 – erstreckte sich das Leben des wohl populärsten bayerischen Monarchen, der noch heute Emotionen zu wecken vermag. Eine sich der Normalität und dem Alltag entziehende fürstliche Lebensführung und ein geheimnisvoller Tod bieten offenbar den Stoff, aus dem die Träume sind. Auch mehrere Filme haben sich mit der Person des Königs befaßt: 1955 führte Helmut Käutner die Regie für Ludwig II. – Glanz und Ende eines Königs mit O. W. Fischer in der Hauptrolle, 1972 drehte Luchino Visconti Ludwig II. mit Helmut Berger in der Titelrolle, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

Der Kunstmäzen

 

Die Beschneidung seiner Souveränität 1871 führte dazu, daß sich Ludwig II. immer weiter aus der Politik zurückzog und sich in eine von ihm aufgebaute Scheinwelt flüchtete. Je mehr der König von Bayern seine wirklichen Souveränitätsrechte an das Reich abtreten mußte und an realer Macht einbüßte, desto mehr steigerte sich seine Auffassung vom idealen Herrschertum und seiner absoluten Machtfülle, die er in der Realität nicht mehr ausüben konnte.

König Ludwig II. war durchdrungen von der Sendung der Kunst, was sein bedeutendes Mäzenatentum auslöste – am bekanntesten ist seine Unterstützung Richard Wagners. Aber auch seine Schloßbauten förderten Architekten und Kunsthandwerker und bedeuteten gleichzeitig einen Innovationsschub für die betroffenen Regionen. Die Schlösser entstanden weitab der Hauptstadt München in malerischen Landschaften. Der Gedanke an die Repräsentation der Herrschaft wurde hier aufgegeben, sollte die Öffentlichkeit doch gerade ferngehalten werden. Ludwig II. selbst schuf die Pläne für die Erbauung von Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee. Die Vorbilder für seine Schloßbauten hatte er auf Frankreichreisen und durch Abbildungen und Berichte kennengelernt. Von den Arbeiten gingen starke Impulse für das hohe Ansehen des bayerischen Kunstgewerbes noch um die Jahrhundertwende aus, mußten die Kunsthandwerker doch alte Techniken auf höchstem Niveau wieder erlernen. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden diese Schloßbauten als Hauptwerke des europäischen Historismus erkannt, der selbst eine lange Zeit mißachtete Kunstepoche bildete.

Schloss Linderhof gilt als das Lieblingsschloss von König Ludwig II. Für ihn bildete es einen königlichen Themenpark mit vielen weiteren nahen Bauten. Literaturhinweis: Marcus Spangenberg: Linderhof Erbautes und Erträumtes im Gebirge, Verlag Pustet Foto: Fritz Lutzenberger

 

Technische Innovationen

 

Als Kunstmäzen und als Bauherr bedeutendster Schlösser des Historismus, der Arbeitsplätze schuf und verloren gegangen geglaubte Techniken von Kunsthandwerkern sicherte, ist der König noch immer im allgemeinen Bewußtsein. Weniger kennt man ihn als Förderer innovativer Techniken und Entwicklungen bis hin zu Überlegungen für eine Flugmaschine. Zur Verwirklichung seiner Phantasien stützte er sich auf die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaften.

Mit der Unterstützung des Physikprofessors Wilhelm von Beetz ließ er das erste bayerische Elektrizitätskraftwerk von Siemens & Halske einrichten. Mit dessen Hilfe konnte die „Venusgrotte“ bei Schloß Linderhof effizient und stilecht beleuchtet werden. Ludwig II. war auch der Halter des wohl ersten elektrisch beleuchteten Fahrzeugs nicht nur in Bayern. Ein Gemälde von Rudolf Wenig hält die Erinnerung an die Schlittenfahrten des Königs im verschneiten Gebirgswald fest, das Licht strahlt von der von zwei Putten gehaltenen Königskrone an der Spitze des Gefährts aus – im Marstall in Nymphenburg kann der Schlitten im Original besichtigt werden. Das vermeintlich mystische Licht aber stammte von einer elektrischen Glühbirne mit einer Batterie im Schlittenkasten, eine der frühesten Verwendungen von Elektrizität als Energiequelle.

 

Die Gründung der Polytechnische Schule zu München

 

Ludwig II. war auch sonst für technische Innovationen aufgeschlossen und so gar nicht der weltfremde Romantiker und Märchenkönig, als der er so gerne dargestellt wird. Dieser König inaugurierte im Jahr 1868 die „Königlich-Bayerische Polytechnische Schule zu München“ in seiner Residenzstadt als Hochschule, was einen ungeheueren Traditionsbruch darstellte. Akademische Bildung war lange Theologen und Juristen, Medizinern und Philosophen im weitesten Sinne vorbehalten – und erst über die Philosophische Fakultät gelangten Naturwissenschaften, Sprachen, Geschichte und Realwissenschaften zu akademischen Ehren. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die wirtschaftliche Entwicklung und die Industrialisierung weit fortgeschritten, neue Herausforderungen und Aufgaben verlangten eine veränderte Ausbildung. Die praktische naturwissenschaftliche und technische Ausbildung erfolgte aber noch unabhängig von der Gymnasial- und Universitätsbildung.

Im Jahr des Regierungsantritts Ludwigs II. 1864 erfolgten mehrere Neuerungen für die technische Ausbildung. Neben das traditionelle Gymnasium als humanistischer Lehranstalt traten das Realgymnasium und die Oberrealschule zur Vorbereitung für technische Berufe. Allerdings war man damit noch immer von einer universitären Verankerung unmittelbar praktisch nutzbarerer Naturwissenschaften weit entfernt. Planungen für eine Verbesserung der Polytechnischen Schule München wurden aber verfolgt. Als Vorbilder konnten die Anstalten in Paris, Zürich, Karlsruhe und Dresden dienen. Gottfried von Neureuther entwarf den Neubau für die Polytechnische Schule an der Arcisstraße in München, um dessen Gestaltung sich Ludwig II. persönlich gekümmert hatte.

König Ludwig II. ließ die Technische Hochschule im Jahr 1868 zunächst noch unter der alten Bezeichnung Polytechnische Schule eröffnen. Beim Festakt betonte Minister Gustav Ritter von Schlör, die exakten Wissenschaften sollten zum Gemeingut der Schüler werden und diese die Resultate der Wissenschaften für die Praxis vermitteln. Am 6. August 1877 gewährte König Ludwig II. endlich die Bezeichnung „Königlich Bayerische Technische Hochschule zu München“ und verlieh ihr die Gleichstellung mit den übrigen bayerischen Universitäten. Dies bedeutete eine wirkliche Innovation. Die goldene Amtskette des Rektors ziert ein Brustbild Ludwigs II. als des Stifters der Hochschule. Der Monarch nutzte die Expertise der Hochschullehrer auch für seine privaten Interessen.

 

Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen

 

Wenn die Extravaganzen des Königs, seine Bauleidenschaft und seine nächtlichen Ausfahrten bei Fackelschein, auch die Anhänglichkeit der oberländischen Bevölkerung, sofern sie davon erfuhr, noch steigerte und das Ansehen des Königs über seinen Tod hinaus ins Mythische überhöhte, so bedeutete das Fehlen des Königs in den politischen und wirtschaftlichen Zentren des Landes doch eine Belastung für den monarchischen Gedanken. Andrerseits verfolgte der König bei der Errichtung seiner Bauwerke wohl auch den Gedanken, sein Königtum angesichts der seit 1866 gefährdeten und 1871 weitgehend verlorenen Souveränität durch Symbole zum Ausdruck zu bringen – und steht damit bis heute für Bayern. Und dazu stützte er sich auch auf die modernsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Errungenschaften seiner Zeit. Auch diese Facetten der vielschichtigen Persönlichkeit Ludwigs II. sollten beachtet werden – bis heute eben ein ewig Rätsel.

 

 

 

Literaturhinweis: Jean Louis Schlim, Ludwig II. – Traum und Technik, München 2001.

 

Bild

Foto: Von Joseph Albert – http://www.schloesser.bayern.de, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=836387