Bayern (hö) –  In seinen Betrachtungen zu Themen und Begriffen aus Kirche und Gesellschaft hat sich Prälat und Domkapitular i. R. Josef Obermaier heute aus aktuellen Corona-Gründen das Thema „Die Wallfahrt, der Urlaub der kleinen Leute…“ ausgesucht.

 

Hierzu schreibt der Geistliche: Wir freuen uns alle, wenn die Verbote und Regelungen, die wegen der Corona-Epidemie aufgestellt werden mussten, demnächst hoffentlich aufgehoben werden können. Dann können wir uns wieder frei bewegen und in Gemeinschaft leben – und auch wieder öffentliche Gottesdienste feiern. Unsere Vorfahren kannten diese aktuellen und vielen Einschränkungen in ihrer Zeit bestens. Vieles war ihnen in ihrer Zeit verboten oder von der Erlaubnis ihrer Grundherren abhängig. Da unsere Bevölkerung jahrhundertelang in viele Einzelstaaten und kleine Herrschaften unterteilt und zudem streng an ihren Wohnort gebunden war, war jeder Arbeiter, jeder Steuerzahler, jeder Wehrpflichtige – also jeder Untertan kostbar. Nur mit besonderer Erlaubnis durfte man den jeweiligen Wohnort für kürzere oder längere Zeit verlassen. Wer ohne schriftliche Erlaubnis außerhalb des Wohnbereichs erwischt wurde, war ein möglicher Flüchtling, ein Landstreicher, ein Bettler – oder ein „Wehrdienstverweigerer“. Ausgenommen war das „fahrende Volk“ sowie die Studenten und Handwerker, sofern sie zum Studium oder als Mitglied einer Zunft unterwegs waren, um sich weiterzubilden. Natürlich waren hohe Damen und Herren von vielen Beschränkungen ausgenommen.

 

Erlaubnis war gleich Urlaub

 

Ausgenommen waren auch die Wallfahrer: sie hatten im Schutz der Kirche die Erlaubnis (= Urlaub), nahe oder ferne Wallfahrtsziele alleine oder in einer Wallfahrtsgruppe zu besuchen. Für kleinere Vergehen konnte der Grundherr eine Sühne-Wallfahrt anordnen, für große Vergehen, meist für reiche Sünder, wurden oft Wallfahrten nach Rom oder gar ins Heilige Land als Sühne angeordnet. Viele kamen von solchen „Urlauben“ nicht mehr lebend zurück. Doch der normale Untertan freute sich auf die kleinen Wallfahrten während des Jahres in nächster Umgebung. Das waren im Schutz der Kirche die „Urlaubstage“ der braven Christen sowie der vielen total abhängigen Knechte und Mägde. Das Kirchweihfest, das ursprünglich mindestens eine halbe Woche dauerte, war praktisch – neben kleinen Feiertagen im Jahr – der „Urlaub“ im Kleinformat. Die vielen kleinen und großen Wallfahrtskirchen in unserem Land waren zudem kirchlich abgesegnete „Urlaubsorte“ in schöner Landschaft (zum Beispiel Steinkirchen am Samerberg) und mit guten Wirtshäusern für das gläubige Volk. Wer auf Wallfahrt war musste seiner Familie als „Beweis“ seiner frommen Tat ein Beweisstück mitbringen, ein „Gweichtl“ für die Daheimgebliebenen. Das waren eine Kerze mit Bild, ein Rosenkranz oder andere Devotionalien, die allen Daheimgebliebenen ein wenig am „Heiligen Urlaub“ teilnehmen ließen.

 

Wenn wir die Einschränkungen dieser jetzigen Epidemie überstanden haben, sollten wir vielleicht einen „Urlaub“ in Form einer Wallfahrt überlegen: vielleicht nach Tuntenhausen, nach Birkenstein, nach Weihenlinden oder nach Maria Eich am Rande Münchens. Auch in der Großstadt München gibt es solche Urlaubsorte, zum Beispiel Maria Ramersdorf und Maria Thalkirchen. Zu diesen „Urlaubsorten“ gibt es dann auch wieder offene Wirtschaften. Auf all dies wollen wir uns wieder freuen.

 

Foto: Fritz Lutzenberger