Diese Frage stellt sich für uns jedes Jahr in der Advents- und Weihnachtszeit angesichts der Lieder, Bräuche und Geschichten, die sich liebevoll um diese Zeit ranken. Manche unserer liebgewordenen Advents- und Weihnachtsgeschichten entstammen den sogenannten „Apogryphen“, von der Kirche nicht anerkannten Evangelien, die die Phantasie vieler Generationen beflügelt haben. Die Kirche aber hat seit ehedem nur die Berichte der vier Evangelien auf dem Hintergrund der Prophezeiungen des Alten Testamentes anerkannt.

Am ausführlichsten berichtet der Evangelist Lukasdie Vorgeschichte der Geburt Jesu und die Ereignisse von Weihnachten. Der Evangelist Lukas war ein getaufter Heide, von Beruf Arzt, ein weitläufig gebildeter Mann. Wir erfahren in der Apostelgeschichte, dass er ein Begleiter des Apostels Paulus war und ihn auf allen Missionsreisen unterstützte. Er beschreibt in seinem Vorwort zu „seinem“ Evangelium, wie er dazu kam, einen Bericht über die Geburt und über das Leben Jesu zu schreiben. Hören wir den Originaltext:

„Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, von der du unterwiesen wurdest.“ (Lk 1,1-4)

So beginnt Lukas seinen Bericht, der modern gesprochen eine Auftragsarbeit für einen einflussreichen Heidenchristen war, mit der Vorgeschichte der Geburt Jesu und seines fast gleichaltrigen Verwandten Johannes des Täufers. Aus diesem Bericht haben sich unsere Adventskultur und Weihnachtsfeier entwickelt. Lukas versteht es als gebildeter ehemaliger Heide, diesen Bericht so zu verfassen, dass auch Heiden, die den jüdischen Hintergrund des Geschehens nicht kennen, berührt werden. Lukas erzählt die Geburtsgeschichte Jesu so bildhaft und farbig, dass die kirchliche Tradition in ihm einen Maler gesehen hat. So werden uralte Marienikonen heute noch dem Lukas zugeschrieben. Sein Bericht und die Details seiner Botschaft sind so plastisch, dass sie bis heute zum Nachempfinden, Singen und Musizieren, zum Dichten und Theaterspielen anregen.

Der Apostel Paulus, sein Lehrer in der Missionsarbeit, scheint an diesem Inhalt der Verkündigung weniger Interesse gehabt zu haben, da er mit Heiden und skeptischen Juden, mit Philosophen und Sophisten zu tun hatte. Sicher hat er seinem Freund Lukas theologisch geholfen. Aber selbst lässt er das Thema „Weihnachten“ nicht zu seinem Thema werden. Paulus verkündet und lebt in der Heidenwelt des Mittelmeerraumes. Dort gibt es in der heidnischen Kultur wundersame Geburtsgeschichten von Gottessöhnen und –töchtern, von Heldenkindern und Königssöhnen. Hier wollte der Apostel Paulus mit der christlichen Weihnachtsgeschichte nicht anknüpfen. Paulus, der sicher auch die Gottesmutter Maria gekannt hat, zitiert Weihnachten nur ganz kurz in seinem Brief an die Galater. Paulus nannte dabei nicht einmal den Namen Maria.

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau …“ (Gal 4,4)

Ähnlich schreibt der „älteste“ Evangelist Markusnichts von der Geburt Jesu, sondern beginnt „sein“ Evangelium mit dem Zusammentreffen der beiden erwachsenen Männer Jesus und Johannes der Täufer am Jordan.

Der Evangelist Johannes, der von allen Aposteln wohl am längsten lebte und Maria auf Weisung des gekreuzigten Herrn zu sich genommen hatte, wird wohl dem wissbegierigen Lukas vieles, was er von der Gottesmutter Maria erfahren hatte, weitergegeben haben. Der Evangelist Johannes hat „sein“ Evangelium nicht als Weihnachtsgeschichte geschrieben, sondern mit dem weltberühmten Prolog ausgedrückt:

„Am Anfang war das Wort … und das Wort ist Fleisch geworden.“ (Joh 1, 1-18)

Und der Evangelist Matthäusbeginnt „sein“ Evangelium auch nicht mit der Geburtsgeschichte Jesu, sondern mit dem Stammbaum Jesu als Nachkomme Davids. Als Judenmissionar will er sagen: Das Kind von Betlehem ist der ersehnte Erlöser und Nachkomme Davids, der König und Heiland seines Volkes. In diesem Zusammenhang berichtet der Evangelist von den Weisen aus dem Morgenland, die den Stern von Bethlehem gesehen haben. Der Stern ist ein altes Königszeichen, dem die Sterndeuter nachgehen. Der Kindermord von Betlehem durch König Herodes ist ein trauriger Teil der Geburtsgeschichte Jesu. Herodes hat Angst vor dem im Alten Testament angekündigten Messias, der ihm den Thron streitig machen könnte.

Das Evangelium von der Geburt Jesu in verschiedenster Form ist durch den Apostel Petrusauch in die damalige Welthauptstadt Rom gelangt und hat das heidnische Winterfest der „unbesiegbaren Sonne“ abgelöst durch das Licht von Betlehem. Christus ist das Licht der Welt, in Bethlehem geht die wahre Sonne auf. Und so bekam das Weihnachtsfest ein festes Datum, den 24. Dezember.

 

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Zeit haben, das Weihnachtsfest mit neuen Augen zu sehen und zu feiern.

Mit herzlichen Grüßen zum Weihnachtsfest 2018

Ihr Prälat Josef Obermaier