Landtagspräsident a.D. Alois Glück nach Abschluss der Gespräche am Runden Tisch

 

„Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist, auch eingedenk der Verantwortung für die kommenden Generationen, der besonderen Fürsorge jedes einzelnen und der staatlichen Gemeinschaft anvertraut.“ – diesem Artikel 141, Absatz 1, Satz 1 der Verfassung des Freistaates Bayern fühlte sich Alois Glück, Landtagspräsident a.D. verpflichtet als er das Amt als Moderator „Runder Tisch“ Arten- und Naturschutz annahm. Seit dem offiziellen Beginn am 24. Februar hat sich viel bewegt, wie viel und wie es nach Ende des „Runden Tisches“ weitergehen soll, haben wir Alois Glück, auch Mitglied des Bayernbundes, bei einem Gespräch in Frasdorf im Chiemgau gefragt.

Sehr geehrter Herr Glück, zuerst vielen Dank, dass Sie auf Ihrem Weg nach München in Frasdorf einen Halt einlegen. Folgende Fragen hätten wir gerne an Sie gerichtet:

Frage:  Welche Struktur haben Sie dem „Runden Tisch“ gegeben?

Antwort: Ein „Runder Tisch“ hat keine festen Strukturen. In dieser offenen Form, es gibt kein oben oder unten, treffen sich Vertreter von Organisationen und Fachleute, um sich kennen zu lernen und Positionen auszutauschen. Die Ergebnisse sind Empfehlungen an die Politik und Organisationen. Nach der wichtigen Phase der Bestandsaufnahmen, das beanspruchte mehr als vier Wochen, teilten wir die Themen in die vier Fachgruppen „Offene Landschaft, Agrarlandschaft“, „Wald“, „Gewässer“ und „Garten, Siedlungen, kommunale und urbane Räume“ ein. Wichtig war die gemeinsame ganztägige Fachkonferenz als gemeinsame Grundlage.

 Frage: Wie hat sich der Meinungsbildungsprozess entwickelt?

Antwort: Nach der Phase Bestandsaufnahme erfolgte dann das Gespräch, die Diskussion zwischen den verschiedenen Akteuren. Meine Devise ist: Zuhören, bereit sein, sich auf den Stuhl des anderen zu setzen. Damit hat sich Vertrauen entwickelt. Ein wichtiger Faktor war dann, dass die Initiatoren des Volksbegehrens von Anfang an bereit waren die Umsetzung von Vorgaben möglichst flexibel zu gestalten.

 Frage: Haben die Ergebnisse aus diesen Fachgruppen zufrieden gestellt?

Antwort: Die Beratungen waren sehr fruchtbar. In der Fachgruppe Landschaft haben wir eine weitgehende Verständigung zwischen den Initiatoren des Volksbegehrens und dem Bauernverband erarbeitet. In den Fachgruppen Wald, Gewässer, Kommunen, Siedlungsräume, Städte wurden Projekte entwickelt, die über den Bereich Landschaft hinaus für alle Lebensbereiche konkrete Handlungsmöglichkeiten erschlossen haben. Das gilt ganz besonders für die vielen Flächen im Besitz der öffentlichen Hand, Staat, Kommunen, aber auch die Kirchen. Das ist ein gewaltiges Flächenpotenzial kommt. Aber hier sind noch viele Lernprozesse notwendig, auch bei uns selbst.

Frage: Was ist für die weitere Entwicklung wichtig?

Antwort: Natürlich die konsequente Umsetzung der Ergebnisse der Fachgruppen in den jeweiligen Fachbereichen. Es gibt aber darüber hinaus einige wichtige Ergebnisse und Grundorientierungen. Als Leitlinie für diese gesellschaftliche und politische Debatte habe ich neun Thesen formuliert:

  1. Der Artikel 141 der Bayerischen Verfassung (siehe Einleitung) ist die Grundlage und Verpflichtung für unser gemeinsames Handeln.
  2. Der Artenschwund ist Realität und alarmierend.
  3. Wir müssen unsere Leitbilder für die Bewertung der Landschaft verändern
  4. Wir müssen Natur verstehen lernen! Dies ist eine dringliche Aufgabe für alle Bereiche der Bildung.
  5. Das Verhalten in der Natur bei diversen Freizeitaktivitäten ist zu einem zentralen Problem für die Natur geworden. Das gilt besonders für die Entwicklung in den Bergen und in Landschaftsräumen mit besonderem Freizeitwert.
  6. Regeln schützen den Status quo, Anreize fördern die Entwicklung. Notwendigkeit und Grenzen des Instrumentariums Unterschutzstellung und Förderung – positive Entwicklungen durch entsprechende Maßnahmen müssen neu durchdacht und geordnet werden.
  7. Die Kommunalpolitik, die Gemeinden, die Städte und Landkreise haben für die Aufgabenstellung Schutz der Natur und der natürlichen Lebensgrundlagen eine zentrale Rolle.
  8. Aus vielen guten Einzelbeispielen ein systematisches Handeln entwickeln.
  9. Das Gemeinwohl und die Zukunftsverantwortung müssen die gemeinsame Orientierung sein.

Frage: Was war Ihnen persönlich besonders wichtig?

Antwort: Zuerst war wichtig zu klären, dass der Artenschutz und die Aufgabe Biodiversität – also Vielfalt im Naturhaushalt als wichtige Voraussetzung für Stabilität und Lebenskraft – nicht nur Sache der Landwirtschaft ist. Diese Blickverengung wurde durch die Konzentration des Volksbegehrens auf die Land-und Forstwirtschaft leider gefördert. Aber es gilt auch: Die große Zustimmung zum Volksbegehren ist eng mit der Angst vor den Folgen des Klimawandels verbunden. Was entwickelt sich in unserer Landschaft, in unserer natürlichen Umwelt? Das war also bei den allerwenigsten ein bewusstes Votum gegen die Landwirtschaft. Die Arbeit in den Fachgruppen war für uns alle auch ein Lernprozess. Ein Lernprozess über die Entwicklungen in der Natur und über Positionen und Situationen der verschiedenen Beteiligten. Auch mir wurden erst in diesem Prozess bewusst, welch gefährliche Veränderungen durch Verarmung wir im Naturhaushalt erleben.

Frage: Die Ängste in der Landwirtschaft zeigen sich im Bereich der Streuobstwiesen, welchen Rat haben Sie da an die Baumbesitzer?

Antwort: In jedem Fall ist es eine momentane, der Verunsicherung geschuldete Überreaktion, wenn Streuobstwiesen von Obstbäumen befreit werden. Das Verhandlungsergebnis sagt ganz klar, dass Streuobstwiesen wie bisher gepflegt und bewirtschaftet werden können, inklusive der Beseitigung alter Bäume. In besonderen Fällen wird auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln möglich sein. Zu diesem Ergebnis gehört auch die Sicherung der weiteren Entwicklungsmöglichkeiten der Hofstelle. Diese Verhandlungsergebnisse müssen in den Ausführungsrichtlinien umgesetzt werden Das Kernproblem ist, dass Grundstücksbesitzer den Eindruck haben, über ihre Grundstücke nicht mehr verfügen zu können und deshalb haben manche vor Inkrafttreten des Gesetzes zur Motorsäge gegriffen. Dies halte ich für eine falsche Aktion und Reaktion.

Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Antwort: Nach unseren Beratungen und der Übergabe unseres Berichts ist jetzt die Politik am Zuge, weitere Entscheidungen wird der Bayerische Landtag fällen. Ein Augenmerk muss es bleiben, die Anliegen der Landwirtschaft sorgfältig zu betrachten und ernst zu nehmen. Hier geht es um die Zukunft von Existenzen! Zukunftsangst, bei aller Unterschiedlichkeit der betrieblichen und familiären Situationen, ist gegenwärtig der größte gemeinsame Nenner in den Bauernfamilien! Für die weitere Entwicklung wäre es gut, wenn im Herbst 2020  sich die Beteiligten vom „Runden Tisch“ zu einer Bestandsaufnahme treffen, um sich mit den bis dahin gemachten Erfahrungen mit den Initiativen und mit den Regelungen des Volksbegehrens zu befassen und entsprechende Schlussfolgerungen zu erarbeiten.

 

Frage: Sie vermitteln Zufriedenheit nach fast beendeter Moderatoren-Tätigkeit, wem wollen Sie dafür danken?

Antwort: Meinen herzlichen Dank spreche ich allen Beteiligten am Arbeitsprozess des Forums Runder Tisch Arten- und Naturschutz aus. Sie haben mit ihrem großen Engagement, ihren Impulsen, ihrer Bereitschaft und ihrer Kompetenz einen herausragenden Beitrag für unser gemeinsames Anliegen des Schutzes und der Förderung der Artenvielfalt geleistet. Die im gesamten Beratungsprozess beteiligten Organisationen sind die unverzichtbare gesellschaftliche und politische Basis für die Umsetzung der erarbeiteten Vorschläge.

Mein Dank gilt aber ebenso den vielen Bürgerinnen und Bürgern, privaten Initiativen und weiteren Organisationen, die sich in unzähligen Schreiben und Mails mit ihren Ideen und Vorschlägen an mich gewandt haben. Dies spiegelt das steigende gesellschaftliche Interesse an unserem gemeinsamen Anliegen und unserer gemeinsamen Aufgabe wieder, die Vielfalt und Stabilität im Naturhaushalt zu schützen, zu erhalten und zu verbessern. Die Vielzahl der Zuschriften zeigt, dass sich im Land bereits ein innovativer Aufbruch entwickelt, den wir zum Wohle der Schöpfung, unserer Heimat und für die Zukunft unserer nachfolgenden Generationen nutzen sollten. Dieser Verständigungsprozess ist auch ein gutes Beispiel für unsere Gesellschaft, in der die Polarisierungen, die Aggressionen und der Hass in der Sprache, leider ständig zunehmen. Für eine gute Zukunft unserer Demokratie brauchen wir die offene, die sachbezogen auch kontroverse und auch leidenschaftliche Debatte, aber immer auf der Basis des Respekts vor dem Andersdenkenden und den anderen Menschen.

Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit ihren Anliegen!

Interview: Anton Hötzelsperger

Foto: Hötzelsperger – Alois Glück beim Gespräch in Frasdorf im Chiemgau