Das Allgäu als Lebensraum von Schnappschildkröten, Pandabären, Elefanten und Menschenaffen? Schier unglaublich aber dennoch wahr, allerdings vor 12 Millionen Jahren. Die Tübinger Professorin Dr. Madelaine Böhme stellt mit ihren Funden in der Tongrube in Pforzen die bisherige Entwicklungsgeschichte der Menschheit in Frage.

In einem Vortrag für den Bayernbund-Kreisverband Weilheim-Schongau/Garmisch-Partenkirchen konnte die Paläontologin durch Fossilienfunde belegen, dass es bereits vor 12 Millionen Jahren im Allgäu Menschenaffen gegeben hat, die durch ihren aufrechten Gang als Vorfahren in der Entwicklungslinie der Menschen gelten können.

 

Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass die Wurzeln der Menschheit in Afrika liegen und von dort vor sieben Millionen Jahren eine Wanderungsbewegung über unseren Globus eingesetzt hat. Als Synonym für diese Entwicklung gilt „Lucy“.

 

Jetzt kann Frau Professor Böhme durch eindeutige Funde von Brustwirbeln und anderen Knochen nachweisen, dass es bereits viel früher in der damaligen Warmphase im Allgäu Menschenaffen gegeben hat, die aufrecht gehen konnten. Der Danuvius guggenmosi, benannt nach dem Hobby-Archäologen Sigulf Guggenmos, unterscheidet sich gravierend zum Beispiel von Schimpansen und stellt die bisherigen Theorien zur Evolution des zweibeinigen Ganges auf den Kopf.

 

Altlandrat Luitpold Braun vom Bayernbund hat die Sensationsfunde in der Nähe von Kaufbeuren zum Anlass genommen, die renommierte Tübinger Paläontologin um einen Vortrag über Udo zu bitten. Warum gerade „Udo“? Ganz einfach deshalb, weil der Fund in der Tongrube Hammerschmiede genau am 70 Geburtstag der Rocklegende Udo Lindenberg erfolgte, dessen Lieder an diesem Tag von früh bis spät im Radio zu hören waren.

 

Bei den Grabungen, die sich mittlerweile über mehrere Jahre erstrecken, kamen aber nicht nur Überreste von Udo, sondern auch von über 140 anderen Spezies zum Vorschein, was Pforzen zu einem weltweit beachteten Brennpunkt der Evolutionsforschung macht.

 

War das Grabungsbudget zu Beginn der Arbeiten noch sehr begrenzt, so hat sich mittlerweile auch der Freistaat Bayern mit Mitteln für ein Jahr eingeschaltet und Ministerpräsident Dr. Markus Söder hat vor einigen Monaten selbst die Tongrube besucht. Derzeit stellt allerdings auch hier Corona und die Wettersituation im laufenden Jahr die Grabungsleiter vor Probleme.

 

Aktuell gibt es im alten Feuerwehrhaus in Pforzen zwei Ausstellungen zu dem Thema „Auf den Spuren der Urmenschen & Die Grabungen in der Hammerschmiede“. Die Wanderausstellung ist noch bis 22. November in Pforzen zu sehen jeweils am Donnerstag von 17 bis 20 Uhr, am Freitag von 15 bis 19 Uhr und Samstag/Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Besuchergruppen sollten sich anmelden bei Josef Freunding (Tel. 08346/560 oder per Email j.freunding@live .de.

 

Später wird die Wanderausstellung noch in anderen Orten im Landkreis Ostallgäu gezeigt.

 

In Vorbereitung ist eine große Ausstellung, die im Museum Mensch und Natur in München zu einem späteren Zeitpunkt realisiert wird.

 

Die Kreisvorsitzenden des Bayernbundes Ludwig Bertl (links) und Luitpold Braun (rechts) dankten Frau Professor Dr. Madelaine Böhme für ihren informativen Vortrag unter Coronabedingungen.

Im Anschluss trafen sich die Teilnehmer noch in der Pfarrkirche von Irsee. Dort erläuterte Pfarrer Helmut Ennemoser eine Besonderheit, die wohl niemand in Bayern erwarten würde: Eine ausdrucksstarke maritime Kanzel.

Eine Besonderheit stellt die 1724/25 von Ignaz Hillenbrand geschaffene Schiffskanzel dar. Der Kanzelkorb in Form eines Schiffsbuges soll an das Fischerboot des Apostels und „Menschenfischers“ Petrus, des zweiten Patrons der Kirche, erinnern. An der Seite ist ein Anker, das Symbol der Hoffnung, angebracht. An der Spitze sieht man eine vergoldete Figur des Erzengels Michael mit dem Flammenschwert in der rechten und einem Schild mit der Aufschrift „Quis ut Deus“ (Wer ist wie Gott) in der linken Hand. Über dem Schalldeckel ist ein Segel aufgezogen, dahinter ragt ein Mastbaum mit Tauwerk, Mastkorb und einem weiteren Segel in die Höhe. An den Seilen betätigen sich Engelsputten. Das Wappen des 1724 gewählten Papstes Benedikt XIII. aus dem italienischen Adelsgeschlecht der Orsini, das an der Kanzelrückwand angebracht ist, wird als Anspielung auf den Namen der Stifterfamilie Ursin-Ronsberg verstanden.

 

Zum Abschluss sangen zur Freude der Teilnehmer a capella Irmgard Braun, ihr Sohn Luitpold Braun jun. und die beiden Enkelinnen Johanna und Katharina noch drei Strophen „Großer Gott, wir loben Dich“.